Baustelle Bildung, 16 sind 15 zuviel


In kaum einem anderen Land der Erde ist das Schulsystem so unübersichtlich wie in Deutschland. Der föderalen Struktur geschuldet, gibt es in Deutschland 16 unterschiedliche Systeme, die von der Zweigliedrigkeit bis zur Viergliedrigkeit reichen. Jedes Land hat sein eigenes Schulsystem - und die Lehrpläne sind untereinander kaum kompatibel.

Die Kultusminister haben mit der Schulgestaltung eine große Spielwiese für die Schulgestaltung erhalten, und die nutzen sie. Bildung ist einer der wenigen Bereiche, in den ihnen weder Bund noch EU hineinreden können. 16 Bundesländer haben 16 verschiedene Schulsysteme, und selbst wenn zwei Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg recht ähnliche haben, sind dennoch die Lehrpläne sehr verschieden. Insgesamt gibt es in Deutschland 2500 Lehrpläne, rund 100 Schultypen, G8 und G9. Und allein 17 verschiedene Verfahren, um zu testen, wie gut Kinder im Vorschulalter Deutsch sprechen.

Es grenzt an ein Wunder, dass überall diesselben Grundrechenarten gelten.

Die Deutschen sind heute mobiler denn je, und wenn eine Familie von einem Bundesland in das nächste zieht, muss ihr Kind die fehlende Kompatibilität der Schulsysteme ausbaden, zum Beispiel mit den Verlust eines Schuljahres. So sind die Bremer Schüler am Ende der Klasse 9 etwa anderthalb Jahre hinter den Neuntklässlern Bayerns zurück, wenn es um Lesekompetenz und Naturwissenschaften geht; geht es hingegen um soziale Kompetenzen, sind sie den bayerischen Schülern ein halbes Jahr voraus.

Seit Jahren steht das deutsche Bildungssystems schon auf dem Prüfstand. Viele Probleme sind längst bekannt, eine Reform folgt der anderen. Allein in Berlin hat es in acht Jahren 23 Schulreformen gegeben. Mit jedem Regierungswechsel doktert der neue Schulminister sofort am Schulsystem herum und schafft ein neues Schulgesetz. 

 

 

 

Der Wirrwarr im Schulsystem hat längst zu einer Vertrauenskrise bei den Bürgern geführt. Nur noch 21 Prozent halten es für richtig, dass die Länder für die Bildungspolitik zuständig sind.

Aufgrund des demografischen Wandels, der steigenden Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund und des veränderten Elternwahlverhaltens, das vor allem zu Lasten der Hauptschule geht, ist die Frage der Schulstruktur insbesondere in den westdeutschen Ländern aktuell wieder in den Fokus der parteipolitischen Auseinandersetzungen gerückt. 

Das dreigliedrige Schulsystem ist Geschichte - wenn es nach den Vorstellungen der Bundes CDU geht: Statt Gymnasium, Haupt- und Realschule soll es künftig nur noch Gymnasium und Oberschulen geben. Der Bundesvorstand hat ein Bildungskonzept beschlossen, das unter anderem Haupt- und Realschule unter einem Dach bündeln will, der sogenannten Oberschule. Zudem soll es ein verpflichtendes Vorschuljahr geben (ein Segen für die Integration von Migrantenkindern!). Sie wollen das differenzierte, auf Leistung und Durchlässigkeit und Chancengerechtigkeit setzende Bildungssystem demografiefest und zukunftssicher machen.

CDU-Spitzenpolitiker aus den Ländern haben grundsätzliche Unterstützung für das Bildungskonzept der Bundespartei mit einer Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem signalisiert.

Während die Bundes-CDU das dreigliedrige Schulsystem so schnell wie möglich abschaffen will, hält die hessische Landesregierung daran fest. In der Region will man zunächst abwarten. Hessen möchte zusätzlich Mittelstufenschulen einführen. Die Regierung aus CDU und FDP hat gerade das Schulgesetz geändert: Künftig können Haupt- und Realschulen zusammengelegt werden zu Mittelstufenschulen: Haupt- und Realschulen in Hessen sollen ihre Schüler in den Klassen 5 bis 7 gemeinsam unterrichten. In Klasse 8 sollen sich die Wege der Haupt- und Realschüler dann wieder trennen. Schüler, die den Hauptschulabschluss anstreben, sollen ab Jahrgangsstufe 8 vor allem in Deutsch und Mathematik unterrichtet werden und gleichzeitig intensiv in Kontakt mit der Berufswelt kommen. In vielen Hauptschulen gibt es heute dafür "SchuB"-Klassen (Schule und Betrieb) und regelmäßige Praxistage. In dieser gemeinsamen Eingangsstufe sollen die in der Grundschule erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten aufgenommen und weiterentwickelt werden.  Ein Vorteil des Konzeptes sei die stärkere Berufsorientierung und die Tatsache, dass sich Kinder in der fünften Klasse nicht für eine Schulform – Hauptschule oder Realschule – entscheiden müssen.

Die Schulen in Hessen sollen entscheiden können, ob sie zur Neuen Mittelschule werden wollen oder in ihrer bisherigen Struktur als selbständige oder organisatorisch miteinander verbundene Haupt- und Realschulen weiterarbeiten wollen. 

Solche Zwitter gibt es mittlerweile in fast allen Bundesländern. "Oberschule, Mittelstufenschule oder Stadtteilschule" – ein immer der gleicher Ausdruck für einen Verbund von Real- und Hauptschule. 

Nimmt man dann noch die vielen Variationen mit jahrgangsübergreifenden Klassen und flexiblen Eingangsphasen, mit Halbtagsschulen, offenen Ganztagsschulen und gebundenen Ganztagsschulen hinzu, in denen entweder in Fächern oder in vernetzenden Lernbereichen gelernt wird, und dass in einigen Bundesländern die Noten schon in Klasse 2, in anderen aber erst in Klasse 3 oder sogar 4 beginnen, hinzu, dass die Lehrerbildung und Lehrerbesoldung in jedem Bundesland anders ist, dass Lehrkräfte manchmal verbeamtet, woanders aber nur angestellt sind, und sie in jedem Bundesland eine andere Unterrichtsverpflichtung haben, dass Eltern manchmal sehr viel mitbestimmen können (zum Beispiel bei der weiteren Schullaufbahn ihres Kindes und der Schulleiterwahl), manchmal wenig und manchmal gar nicht, dass sie manchmal wie in Hamburg und Cottbus die Grundschule völlig frei wählen können, manchmal dabei aber an die Straße gebunden sind, in der sie zufällig wohnen, dann bleiben im besten Fall verwirrte Eltern zurück.

Doch scheint die Debatte um die Hauptschule noch nicht beendet. Das letzte Wort soll der Bundesparteitag im November haben.

Monika Grütters, stellvertretende Berliner CDU-Chefin und Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, hat für die Unionsfraktion ein Papier formuliert, um "grundlegende, gemeinsame Standards zu definieren, Vergleichbarkeit zu schaffen, Verlässlichkeit zu garantieren". Ihre Ziele: ein länderübergreifender "Schulkonsens", ein "Deutschlandabitur" mit einheitlichen Standards, gemeinsame Lehrerausbildung und Lernmittel. Gesteuert werden soll das System von einem neuen Bildungsrat. 

Für die Zukunft können wir uns nur wünschen, Schluss mit dem Schulchaos in Deutschland. Her mit einem bundeseinheitlichem Schulsystem! Im Sinne der 8 907 663 Schüler in Deutschland.

 

Quelle: shz.de August 2010, FR v. 22.7.11, stern 28/29 2011

 

 

taunus4family ist das Familienportal aus dem Taunus - Main-Taunus-Kreis - Hochtaunus - Rhein-Main-Gebiet - Hessen | Sie finden bei taunus4family wertvolle Informationen und Ratgeber zu den Themen Eltern - Kinder - Baby - Familie - Ernährung - Beratung - Freizeit - Unterhaltung - Familienprogramm - Veranstaltungen - Ausflug - Erziehung - Gesundheit - Kinderrezepte - Aktivitäten - Kinderbetreuung | © 2008 taunus4family - Eva Tiedke-Trimborn |  Webdesign www.Thoxan.com