Schon seit längerer Zeit gibt es keine Pampers mehr im Supermarkt; der Absatz war zu gering. Wo früher Babynahrung, Babyflaschen, Babyschnuller und Babycremes ganze Regale füllten, sind jetzt Inkontinenz-Hilfen, Bettpfannen, Krücken und Kukident im Angebot.
Die Eltern der wenigen Kinder, die noch geboren werden, müssen die Ausstattung ihrer Sprösslinge via Internet aus Frankreich oder Skandinavien bestellen. Die Spielzeugkonzerne Mattel und Lego reduzierten schon 2023 ihre Verkaufsstellen in der Bundesrepublik wegen geringer Nachfrage um 80 Prozent; im Jahr darauf verlegt die Firma Playmobil ihren Sitz von Nürnberg auf die Philippinen. Außerhalb der Ballungsgebiete wurden in den vergangen 30 Jahren sämtliche Schulen geschlossen. Das Sterben dieser Einrichtungen begann 2020, als verfügt wurde, dass ein Schulweg von 150 Kilometern für ABC-Schützen zumutbar sei. Das vertrieb die allermeisten Familien aus ländlichen Gegenden. Verödetet Dörfer, Fernstudien per Computer, Besuch von „mobilen Lehrern“ usw.usw….
Das ist kein Horrorszenario, sondern voraussichtlich unsere Zukunft. Mit 7,9 Geburten auf 1000 Einwohner in 2009 hat Deutschland seit Jahren die niedrigste Geburtenrate unter den 27 EU-Mitgliedsstaaten und rangiert in einem Weltbank-Vergleich zwischen 190 Staaten auf Platz 185. Die EU-Bevölkerung wächst nur durch Zuwanderung.
Wir hatten doch in den vergangenen Jahren viel von einer modernen Familienpolitik gehört, mit Elterngeld, Vätermonaten, Betreuungsplatzausbau usw. In Sachen Familienpolitik beißt sich der Staat jedoch hierzulande die Zähne aus. Es gelingt ihm nicht, bei der persönlichen Lebensplanung seiner Bürger mit bevölkerungspolitischen Entscheidungen durchzugreifen. Denn Fakt ist: Wer keine Kinder will, kriegt auch keine, wenn Elterngeld & Co. winkt. Und trotz des größten zu erwartenden demografischen Kollaps seit der Pest im Mittelalter, den Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg gibt es noch immer nichts, was man in Deutschland ernsthaft als Gesellschafts- oder Familienpolitik bezeichnen könnte.
Was ist los also mit den Leuten, warum will sich diese Gesellschaft kurz und klein schrumpfen?
Einmal kann man sagen: Nun gut, wir haben aktuell eine der schwersten Wirtschaftskrisen erlebt, die die Welt seit Langem gesehen hatte. Dass da junge Berufsanfänger eine Familiengründung aufschieben, ist nicht wahnsinnig verwunderlich und auch nicht unvernünftig. Zumal die Generation U40, auf die es ja ankäme, zeit ihres Erwachsenenlebens mit Leistungsdruck und sinkenden Löhnen und schwindendem gesellschaftlichem Zusammenhalt konfrontiert war. Sie verzichtet nicht bewusst auf Kinder – aber sie hat eben das Gefühl, sie könne das, was die Gesellschaft von ihr erwartet, besser ohne Kinder erfüllen.
Aus der anderen Perspektive würde man dazu sagen: Habt ihr sie noch alle? Es kann ja wohl nicht wahr sein, dass Menschen in dramatisch viel ärmeren und unsichereren Weltgegenden ganz selbstverständlich Kinder bekommen – und in einem der reichsten Länder der Erde gilt das als Risiko? Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die deutsche Kinderlosigkeit die Folge eines westlichen Großtrends, der Individualisierung. Der moderne Mensch, auf jeden Fall der Bundesbürger, ist ein anspruchsvoller Kunde. Nie ist er sich sicher, ob die Partnerbeziehung, die er gerade hat, wirklich schon die beste ist. Im Job gäbe es auch noch dies oder das zu erreichen, bevor man sich an den Wickeltisch fesselt. Und wer garantiert uns eigentlich, dass unser Wunschkind auch wirklich erste Qualität wird?
Finanziell zumindest scheint die Politik Familien massiv zu unterstützen: Kindergeld, Elterngeld, Kinderzuschläge, Steuererleichterungen etwa durch das Ehegattensplitting, Waisenrente – die Ausgaben für Familien liegen damit um rund 40 Prozent über dem EU-Durchschnitt.
Doch die wagemutigsten Finanzjongleure in Deutschland sind und bleiben die Eltern. Ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt, investieren sie 120.000 Euro - so viel kostet es im Durchschnitt, ein Kind bis zum 18. Geburtstag großzuziehen. In Deutschland bedeuten Kinder Wohlstandsverlust. Weil es noch immer nicht flächendeckend möglich ist, eine gute ganztägige Betreuung zu bekommen, muss ein Elternteil die Erwerbstätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben. Während andere Staaten die Erwerbstätigkeit von Müttern ermöglicht, damit sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können, zahlt unsere Regierung ihnen Almosen, damit sie für mindestens 3 Jahre vom Arbeitsmarkt verschwinden – entweder, um sich danach demütig mit schlecht bezahlten Teilzeitjobs abzufinden oder um nie wieder aufzutauchen. Geht die Ehe in die Brüche, stehen diese Frauen vor dem Nichts und deren Ex-Männer am Rande des Existenzminimums.
Etwa die Hälfte aller Kinder lebt nach jüngsten Schätzungen in „prekären“ Verhältnissen, also am oder nur unwesentlich über dem deutschen Existenzminimum. Wer sich in Deutschland für mehr als ein Kind entscheidet, geht bei durchschnittlichen Einkommenschancen bereits ein Armutsrisiko ein.
Im Familienministerium wird der „Dreiklang aus Zeit, Infrastruktur und Geld“, den Familien benötigen, wie ein Mantra wiederholt. Oder anderes ausgedrückt: Die Debatte dreht sich seit Jahren um die Themen der Förderung von Familiengründung, der Familienlasten- und leistungsausgleich und schließlich die Verbesserung der Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen. Im internationalen Vergleich sind die monetären Aufwendungen der Bundesrepublik für Familien wohl durchaus beachtlich; sie sind allerdings nicht sehr effektiv im Sinne der genannten Ziele ausgestaltet.
Der Staat ist allenfalls bereit, den Familien im Rahmen der gegebenen Strukturen einen gewissen Familienlastenausgleich zu gewähren; von einem Familienleistungsausgleich, also von einer kollektiven Anerkennung der volkswirtschaftlichen Produktivität der Familien, kann in Deutschland noch nicht die Rede sein.
Der Staat sollte den Eltern nicht etwa deswegen helfen, weil Kinder Geld kosten, sondern weil die Aufwendungen der Eltern im öffentlichen Interesse sind. So sind Kindergeld und erst recht Steuerfreibeträge keine Subventionen, sondern nur die Anerkennung des Existenzminimums auch von Kindern durch die staatliche Gemeinschaft – eine Anerkennung, die ihnen im Rentenrecht übrigens noch immer versagt bleibt. Ehepaare und sonstige Versorgungsgemeinschaften stehen bis heute im Alter um so besser, je weniger Kinder sie aufgezogen haben. So subventioniert der Staat z.B. durch das Ehegattensplitting die Hausfrauenehe jährlich um Milliarden – unabhängig davon, ob die Hausfrau und ihr allein verdienender Gatte Kinder haben oder nicht.
Eine Umgestaltung des Steuer- und Sozialrechts zugunsten der Familien ist notwendig. So ist etwa das heutige steuerfreie Existenzminimum für Kinder gegenüber dem für Erwachsene sowie gegenüber den tatsächlichen Aufwendungen zu niedrig angesetzt. Auch für die Berechnung der Sozialversicherungsbeiträge sollte nicht der Bruttolohn als Grundlage dienen, sondern der Lohn abzüglich des Existenzminimums aller Familienmitglieder.
In den öffentlichen Etats sind gewaltige Umschichtungen erforderlich, die nur durch eine familien- und bildungsorientierte Finanzpolitik zu erreichen sind, die sich über mehrere Jahre und sogar Legislaturperioden erstreckt. Familienpolitische Maßnahmen müssen konsequent auf bestimmte Lebensphasen der Familien abgestimmt sein – nur so lassen sich die Wirkungszusammenhänge zwischen politischen Schritten und Veränderungen der Geburtenrate besser erkennen und steuern.
Doch letztendlich müssen auch jene Bevölkerungspolitiktechnokraten ernüchternd feststellen, die hofften, die Geburtenrate werde sich mit jedem Elterngeld-Euro nach oben bewegen: so uneingeschränkt begrüßenswert gute Kinderbetreuung und eine relativ großzügige soziale Absicherung junger Eltern sein mögen – Weltwahrnehmung und Lebensplanung lassen sich damit offenbar nicht im großen Stil beeinflussen.
Es ist durchaus eine Frage von Mentalität, aber Einstellungen und Werte werden geprägt durch gesellschaftliche Bedingungen. Die Instrumente überzeugen anscheinend weder diejenigen, die sich vor der Zukunft fürchten, noch diejenigen, die ihren Lebensentwurf bis zum Exzess optimieren.
Aber wo heute die Kinder ausbleiben, fehlen morgen die Eltern.
Übrigens: Unsere gegenwärtige Kanzlerin hat keine Kinder, Schröder hatte lange Zeit keine. Kinder sind in Deutschland keine soziale Positionierung. In den USA oder der Türkei wäre ein kinderloser Regierungschef völlig undenkbar. Hohe Positionen sind dort mit Kindern viel leichter zu erreichen, aus deutscher Sicht ein Paradoxon.
Quelle: Stern 37/2009, 27/2005
taunus4family ist das Familienportal aus dem Taunus - Main-Taunus-Kreis - Hochtaunus - Rhein-Main-Gebiet - Hessen | Sie finden bei taunus4family wertvolle Informationen und Ratgeber zu den Themen Eltern - Kinder - Baby - Familie - Ernährung - Beratung - Freizeit - Unterhaltung - Familienprogramm - Veranstaltungen - Ausflug - Erziehung - Gesundheit - Kinderrezepte - Aktivitäten - Kinderbetreuung | © 2008 taunus4family - Eva Tiedke-Trimborn | Webdesign www.Thoxan.com