Expedition in die Konzerne - oder warum Frauen in der Karriere nicht vorankommen


Die Karrierechancen von weiblichen Mitarbeitern hängen hierzulande wesentlich mit der Unternehmensgröße zusammen. Einer aktuellen Umfrage nach kommen Frauen im Topmanagement des deutschen Mittelstandes häufiger vor als in Konzernen oder: Wenn Management wenig mit Glamour, aber viel mit mühevoller Arbeit zu tun hat, stehen häufig Frauen an der Spitze.

Das überraschende Ergebnis: jede fünfte Führungskraft in kleinen und mittleren Unternehmen ist mit einer Frau besetzt. Der deutsche Mittelstand ist moderner und weiblicher als die großen Konzerne.

Allerdings zeigt die Studie auch, dass es deutliche Branchenunterschiede gibt.  Besonders viele weibliche Führungskräfte gibt es im Gesundheits- und Sozialwesen. In technischen Berufen bleiben die Frauen dagegen die klare Minderheit.

Für die Untersuchung wurden insgesamt 4000 Unternehmen mit Umsätzen zwischen 2,5 bis 250 Millionen Euro von dem Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest im Auftrag der Commerzbank befragt. Der Mittelstand – etwa 99 Prozent der Unternehmen bundesweit - erwirtschaftet zwar in der Regel keine Traumrenditen wie Dax Konzerne, stellt aber 60 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Jobs in Deutschland.  Und damit sind deutlich mehr Führungspositionen zu besetzen als in großen Konzernen.

Der politische Druck auf die Unternehmen, den Frauenanteil im Top-Management zu erhöhen, ist enorm. Während unsere europäischen Nachbarn bereits Frauenquoten einführen, gewährte die Bundeskanzlerin deutschen Unternehmen noch eine Schonfrist von zwei Jahren. Wir können es uns weder leisten, die schlummernden Potentiale in unserem Land zu ignorieren, noch können wir im Streit um Quote, Gleichberechtigung und Frauenförderung  die Frauen von den Schaltstellen der Wirtschaft fernhalten. Angesichts des demografischen Wandels, der Wirtschaftskrise und des drohenden Fachkräftemangels  fragen Unternehmen nicht mehr WARUM, sondern vielmehr WIE sie mehr Frauen in Führung bekommen.

Während Weltkonzerne wie Daimler, Siemens und die Telekom Hunderttausende von Euro für „Diversity-Programme“ und Imagekampagnen ausgeben, liegt der Anteil der Frauen in Toppositionen dort gerade bei 2,2 Prozent. Bei IBM Deutschland gibt es gar in der Frauenförderung eine Zielvereinbarung für Manager. Wenn die Quote nicht stimmt, schrumpft auch der Bonus.

Aber was verursacht denn nun den Karriereknick bei den Frauen? Gibt es sie noch, die berühmte gläserne Decke, die Frauen hindert, in die absoluten Top-Positionen vorzustoßen? 

An Bildung und Motivation liege es nicht: Alle Studien belegten, dass Frauen heutzutage sehr karriereorientiert und mindestens genauso qualifiziert seien wie Männer.

Ein Forscherteam um den Soziologen Dr. Carsten Wippermann von Sinus Sociovision in Heidelberg untersuchte schon 2009 im  Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wie Frauen beim Aufstieg in die Top-Positionen diskriminiert werden.

Neben der nach wie vor schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie tendierten Entscheider unterbewusst dazu, Personen zu befördern, die Ähnlichkeiten mit ihnen selbst hätten. Je weniger Frauen oben seien, desto schlechter stünden die Chancen für andere Frauen, nach oben zu kommen. Auf dem Weg in die Chefetagen erfahren Frauen also vergleichsweise wenig Unterstützung durch Vorgesetzte und KollegInnen, es gibt weniger persönliche Vorbilder und das Netz aus beruflichen Beziehungen und Kontakten ist schwächer. In jeder Firma existiert offenbar ein Klippe, an der die Frauen reihenweise scheitern. Irgendwo im unteren bis mittleren Management, weit entfernt von der Vorstandsebene.

Unter Männern gibt es zudem "latente Mentalitätsmuster, die schwer auszuhebeln sind. Während der konservative Mann Frauen als Irritation im "inner circle" sehe, gehe der mit emanzipierter Grundhaltung davon aus, dass Frauen chancenlos gegen Machtrituale seien. Sie glaubten, Frauen hätten nicht die Härte für einen Vorstandsposten. Der "radikal individualistische Typus" wiederum glaube, es gebe nicht genügend Frauen, die authentisch und flexibel genug für den Job seien. Die gläserne Decke ist dreifach gesichert. Mit Frauen werden eine geringere Produktivität und eine höhere Ausfallrate verbunden. Die Forschung widerlege dies. Längst gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass weibliche Führungskräfte den Firmenwert steigern. Die Unternehmensberatung McKinsey hat in ihrer Studie "Women Matter" nachgewiesen, dass Unternehmen, in denen mehr als zwei Frauen in der Führungsebene sind, stärker wachsen als die Konkurrenz, sie zudem höhere Gewinne und Aktienkurssteigerungen erzielen. Der Grund: geschlechtliche Vielfalt nutzt, Einfalt schadet. So sinken die Motivation der Mitarbeiter und die Produktivität bei reiner Männerwirtschaft. Es sind die Unterschiedlichkeit und sich ergänzende Verhaltensweisen, die eine Firma stark machen. Gemäß der Untersuchung würden Frauen häufiger dazu beitragen, Dimensionen wie Arbeitsumgebung und Werte, Verlässlichkeit oder Führungsteam voranzutreiben, während Männer mit "Kontroll- und Korrekturverhalten" und individualistischen Entscheidungen bei Koordination und Kontrolle zugange sind.

 

Sind das die wahren Gründe für das Scheitern der weiblichen Intelligenz auf dem Weg nach oben?

Um das herauszufinden, forscht in den kommenden Monaten ein Team am Fraunhofer Gesellschaft im Auftrag und mit finanzieller Hilfe von Familienministerin Schröder. Dazu wurden neun Großkonzerne  als Partner und Studienobjekte gewonnen, in denen sich männliche wie weibliche Führungskräfte in anonymen Interviews auf den Zahn fühlen lassen.

Das Fraunhofer-Team vermutet hinter der ominösen gläsernen Decke keine bösen Männer, sondern einen Umgang in den Unternehmen, der den Frauen nicht behagt. Eine Kultur, die Frauen dazu bewegt, sich dem Aufstieg zu verweigern.

Ich weiß nicht, ob uns DIESE akutelle Untersuchung nun neue Erkenntnisse bringen wird. Aber eines ist sicher, es gilt Hemmnisse zu beseitigen, die Frauen bei ihrer beruflichen Entwicklung hindern. Dazu zählen insbesondere eine nach wie vor unzureichende Kinderbetreuungsinfrastruktur, ein gesellschaftlich tradiertes Rollen- und Berufswahlverhalten von Frauen, die Aufweichung des „old boys network“, wie auch Fehlanreize im Steuer- und Sozialversicherungsrecht.  Eine Veränderung  der Kultur– in der Gesellschaft und in den Unternehmen wie auch auch in Zweierbeziehungen.

Ich denke, dass wir Frauen uns vielleicht noch mehrmals den Kopf stoßen müssen, bevor wir die sogenannte gläserne Decke durchbrechen....

auch mit einer Frauenquote, die übrigens kürzlich mehrheitlich auf der Jusitzministerkonferenz von den Justizministern aller Länder "als dringend geboten" gefordert wurde! Die Frauenquote ist verfassungsgemäß. Demnach soll es für alle Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen eine gesetzliche Mindestquote von zunächst 30 Prozent, fünf Jahre später von 40 Prozent geben.

 

20. Mai 2011

Quelle: FAZ Mai 2011, Stern 20/2011, Stuttgarter Zeitung, Okt. 2009

 

 

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