Patchworkfamilie als Zukunftsmodell?


Patchwork versus "bis der Tod uns scheidet". Wenn ein Elternteil eine Beziehung mit einem neuen Partner eingeht, nannte man den früher Stiefmutter oder Stiefvater. Und die sind - wie wir aus den Märchen wissen - böse und gemein. Heute nennt man eine neu zusammengewürfelte Lebensgemeinschaft Patchworkfamilie.

Das klingt viel lustiger - nach buntem Flickenteppich. Die "normale" Kleinfamilie, bestehend aus Mama, Papa, Kind ist heute nicht mehr die Norm. Jede siebte Familie, so schätzt man, lebt heute als Patchworkfamilie zusammen. Genaue Statistiken gibt es nicht.

Die traditionelle Familie als Auslaufmodell? Patchworkfamilie als Zukunftsmodell? Viele Prominente machen es uns vor und viele von unseren Bekannten praktizieren es. Wir machen einfach da weiter, wo wir mit einem anderen Partner aufgehört haben. So einfach ist das. Muss nicht doch irgendjemand den Preis dafür zahlen? Harmlose oder katastrophale Folgen? Ein hässlicher Gedanke in unserer Unverbindlichkeitswelt. Hier lautet doch die Spielregel, dass wir unser Leben einfach mal aufhören lassen können und weitermachen wie wir wollen. Steht uns nicht Besseres zu? Ein besserer Beruf, eine bessere Wohnung, ein besserer Partner? Bis dass der Tod uns scheidet – eine Drohung? Unser Leben ist damit doch zu einem Wirtschaftsunternehmen verkommen mit dem Ziel der ständigen Optimierung. Allerdings gehört zu einer Patchwork-Familie leider auch eine Kinderwelt, damit kommt die Selbstverwirklichungsmanie ins Wanken. Dabei steht am Anfang des Unternehmens Großfamilie immer ein Gebirge aus Liebe und Hoffnung und der unbedingte Glaube an dauerhaftes Glück. Aber das ist für viele, die an diesem Modell jeden Tag arbeiten müssen, eher ein Wunschziel als das wahre Leben.

Denn die Kinder sind die Opfer, das ist seit langem bekannt. Und auch wenn man der Kinder wegen nicht mit einem Partner zusammen bleiben sollte, so gibt es Tatsachen, die nicht häufig genug wiederholt werden können: Scheidungskinder werden später nahezu doppelt so häufig geschieden wie Nichtscheidungskinder. Sie neigen stärker zu Depressionen und Schizophrenie und werden häufiger kriminell. Sie haben Probleme, Nähe und Vertrauen aufzubauen. Sie wissen nicht, wie sich Familie anfühlt. Für ein Kind ist das eine Tragödie!

Schnell wird dem Kind ein Medikament verschrieben, oder eine Therapie, und schon ist alles gut? Es gibt einfach keine „guten Scheidungen“, egal wie sich die Partner das Sorgerecht teilen und es ausleben. Scheidungskinder wachsen mit der Gewissheit auf, dass nichts von Bestand ist. Jeder Augenblick kann zu einer völligen Veränderung führen. Kinder brauchen aber Kontinuität. Die Gewissheit der ständigen Veränderbarkeit ist ein Schock. Sie verlieren das Urvertrauen, ein Teil von ihnen wird sich immer einsam fühlen.

Familie ist Heimat, das ist Idealvorstellung. Es ist der geschützte Ort, in dem wir mit Eltern, Geschwistern, Tanten, Onkeln und Oma, Opa und Freunden ins Leben hineinwachsen. Wir spiegeln uns in den Beobachtungen über das Verhalten unserer Eltern und Umfeld. Wir sehen trotz Verwunderung, dass Vater und Mutter es miteinander aushalten – aber sie halten es aus. Streit gefährdet bei ihnen nicht die Fundamente, auch wenn es zu Klaustrophobie führt. Es stellt sich nicht die Frage, ob Mama oder Papa sympathisch sind. Über den neuen Partner stellt sich die Frage indessen mehr als deutlich. Auch zwingt die Patchworkfamilie zu einem stringenten Zeitplan, ein spontaner Gutenachtkuss ist fast unmöglich.

Ein Patchworkkind wird von einem Weihnachtsritual wie im Film über Großfamilien-Feiern nur träumen können – es bleibt ihm verwehrt.

Der Beitrag ist kein Aufruf zum Zusammenbleiben um jeden Preis – aber ein Appell, die Selbstverwirklichung nicht auf Kosten der Schwächeren zu betreiben.

 

Quelle: FAZ 18.08.2010

Literatur/Film-Tipps:

Marion Tietze „Sinn und Form“ (Literaturzeitschrift)

Elizabeth Marquardt „Kind sein zwischen zwei Welten: Was ist Inneren von Scheidungskinder vorgeht“ (Buchtipp)

Noah Baumbach: „Der Tintenfisch und der Wal“ (Filmtipp)

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