Die kriminelle Karriere - Ein Blick hinter die Kulisse


Irgendwo im Amtsgericht. Eine Mutter freut sich, ihren Sohn wiederzusehen. Doch wirklich glücklich ist sie nicht, die Mutter fürchtet, dass ihr Kind heute zu einer Haftstrafe verurteilt wird.

Dass Kinder unter 14 Jahre nicht strafmündig sind, wissen wir aus dem Gesetzbuch. Leider registriert die Öffentlichkeit dennoch reichlich aktenkundige Straftaten, vom Diebstahl eines Schoko-Riegels im Supermarkt bis zur Gewaltanwendung.

Befragungen unter Schülern zwischen 9 und 16 Jahren ergaben, dass rd. 90% von Ihnen mindestens einmal eine strafbare Handlung begangen haben. Zur Vermeidung der sprachlichen Zuordnung von Kindern zur strafrechtlich verstandenen Kriminalität spricht man übrigens mit einem Fachausdruck von „delinquentem Verhalten“. Diese Delinquenz scheint entwicklungspsychologisch zum Erwachsenwerden dazu zu gehören, meist sind es auch Bagatelldelikte.

Eine Langzeitstudie über 30 Jahre der Herren Remschmidt und Walter von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie – und Psychotherapie der Universität Marburg mit dem Titel „Marburger Kinderdelinquenzstudie“ brachte jetzt erstmals und im deutschen Sprachraum einzigartige Ergebnisse über die Bedeutung von Kinderdelinquenz für die spätere kriminelle Karriere. Enttäuscht werden die Stammtisch-Psychologen sein – das wichtigste Ergebnis der Studie ist: man muss genau hinschauen.

Für die Studie war wichtig anzuerkennen, dass nicht jede „Straftat“ eines Kindes auch zwangsläufig zu einer Anzeige kommt. Zum Beispiel stieg die Anzahl tatverdächtiger Kinder um 113%, als die Polizei-Präsenz anlässlich Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk Gorleben erhöht wurde. Umgekehrt sank die Zahl der Anzeigen von Ladendiebstählen, nachdem die überlastete Polizei mit Kaufhäusern abgesprochen hatte, die Eltern zu benachrichtigen, anstatt die Legislative zu bemühen. Zur Vermeidung der Studien-Verzerrung mussten also geeignete Probanden gefunden werden, so blieben von 1.931 ausgewählten Strafanzeigen von 1962 bis 1971 zum Beispiel nur 263 Fälle übrig. Die teilnehmenden Personen wurden zwischen 1975 und 1977 von Projektmitgliedern aufgesucht. Erhoben wurden biographische Daten der mittlerweile meist Erwachsenen, es wurden IQ-Tests durchgeführt und mit Hilfe des Freiburger Persönlichkeitsinventars wurde ein Fragebogen zu persönlichen Merkmalen erstellt. Die weitere Entwicklung der kindlichen Delinquenten wurde bis 1996 durch Auskünfte aus dem Erziehungs- und Strafregister verfolgt.

Fazit 1:

die meisten einmal registrierten Kinder wurden nicht ein zweites Mal polizeilich aktenkundig, eine kriminelle Karriere kann also nicht abgeleitet werden.

Fazit 2:

kommen Kinder mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt, steigt das Risiko auf das Doppelte an, im Jugendalter auch Straftaten zu begehen. 

Fazit 3:

wer im Jugendalter mehrfach Straftaten begeht, hat in der Tat ein hohes Risiko, zum chronischen Täter zu werden.

Die Untersuchung hält Lernschwierigkeiten in der Schule, abgebrochene Schulausbildung, soziale und familiäre Belastungen für die am ehesten geeigneten Kriterien, um Kinderdelinquenz vorherzusagen, die Trefferquote liegt bei 71,5 %. Chronische Straftäter konnten zu 80% richtig vorhergesagt werden.

Dennoch sind die Parameter schwierig zu bestimmen. Für den einen sind beengte Wohnverhältnisse und viele Geschwister eine Ursache für eine kriminelle Karriere, der andere beginnt in diesem Umfeld eine positive Laufbahn. Auch die Welt hat sich in den 30 Jahren naturgemäß gewandelt, der Begriff „Migrationshintergrund“ war in den siebziger Jahren zum Beispiel noch keine gängige Vokabel.

Die Struktur aufgeführter Fallbeispiele jedoch ist so aktuell wie vor 40 Jahren: der hochintelligente, ehrgeizige und leistungsbewußte Gymnasiast mit elterlicher Unterstützung bekommt nach einem Banküberfall aus Angeberei vor Freunden noch rechtzeitig die Kurve und begeht keine weiteren Straftaten. Der Sohn drogensüchtiger Eltern hingegen, kurz nach der Geburt getrennt, mit 10 Jahren erstmals wegen Gewalttätigkeit auffällig und mit 14 Jahren offensichtlich belegt mit einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung, setzt seine kriminelle Karriere im Erwachsenenalter fort.

Im letzten Teil der Studie werden Interventionsmöglichkeiten beleuchtet, von Schwangerschaft über Vorschul- und Schulprogramme bis hin zu Elterntrainingsprogrammen, Familien- und Sozialtherapie. In gewissen Grenzen haben diese sich weltweit als wirksam erwiesen. Im günstigsten Fall, so Remschmidt und Walter, führen solche Interventionsprogramme zu biographischen Wendepunkten in der Entwicklung der Jugendlichen.

Wenn Sie mehr wissen wollen:

Helmut Remschmidt/Reinhard Walter: „Kinderdelinquenz“. Gesetzesverstöße Strafunmündiger und ihre Folgen. Springer Verlag, Heidelberg 2009, gebundene Ausgabe, 281 Seiten, € 69,95.

 

Geschrieben von Eva Tiedke-Trimborn, 26. Februar 2010

Quelle: FAZ 08.02.2010

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