Wiedereinstieg oder Neuorientierung im Beruf?

Sie möchten wieder ins Berufsleben einsteigen oder sich umorientieren? Sie haben Selbstzweifel oder aber Ideen, wissen nur noch nicht, wie Sie sie umsetzen sollen? taunus4family hat den Karriere- und Business-Coach Dr. Bernd Slaghuis hierzu interviewt:

 

Wie organisiere ich meinen beruflichen Wiedereinstieg nach Elternzeit, Arbeitsplatzverlust ?

Grundlage für jede berufliche Veränderung ist das eigene Bewusstsein über die persönlichen Werte und Ziele. Was ist wichtig im Leben und im Beruf und wo soll die „Reise“ in den nächsten Jahren hingehen? Ich erlebe es häufig, dass sich bei Veränderungen im familiären Umfeld, also etwa der Geburt eines Kindes, auch die Werte im Beruf verändern. Aus ehrgeizigsten Karrieristen werden Väter und Mütter, für die der Job zur Nebenbeschäftigung und Klettern auf der Karriereleiter unbedeutend wird. Machen Sie daher vor jeder beruflichen Veränderung oder dem Wiedereinstieg nach einer Elternzeit ein Update Ihrer eigenen Werte und Ziele. Was sollte im Beruf – und auch im Leben – in den nächsten Jahren erfüllt sein, damit es Ihnen gut geht und Sie motiviert sind?

Ein weiterer aus meiner Erfahrung sehr wichtiger Schritt ist die Überlegung, welche Arbeitgeber zu Ihnen und dem nächsten beruflichen Schritt passen. Viele Bewerber machen sich kaum Gedanken über ihren Arbeitsplatz für die nächsten Jahre, die Kollegen, mit denen sie gut zusammenarbeiten können sowie den Chef und dessen Führungsstil. Sehen Sie sich in einem Großkonzern oder beim familiengeführten Mittelständler? Je genauer Ihr eigenes Bild vom idealen nächsten Arbeitgeber ist, umso zielgerichteter können Sie suchen und haben gleichzeitig gute Argumente für die Bewerbung.

Eigenes Bewusstsein, das Treffen von Entscheidungen und daraus abgeleitet konsequentes Vorgehen nach Plan sind aus meiner Erfahrung die entscheidenden Zutaten für den erfolgreichen Wiedereinstieg oder Jobwechsel. Hinzu kommt die richtige Haltung als Bewerber: Werden Sie sich Ihrer Stärken und Fähigkeiten bewusst und wertschätzen Sie Ihre Berufserfahrungen. Nach der Elternzeit gilt: Wertschätzen Sie auch diese Zeit und die hiermit verbundenen Erfahrungen statt sie als Lücke im Lebenslauf abzustempeln und sich am Ende sogar hierfür zu rechtfertigen. Stattdessen: Warum war es gut, sich diese Zeit genommen zu haben und was hiervon können Sie vielleicht für die nächste berufliche Station auch nutzen?

 

Wie orientiere ich mich dabei? Was nutze ich für Instrumente, wie vernetzte ich mich?

Orientierung ist gut und schafft Klarheit. Zu viel Orientierung kann jedoch auch dazu führen, dass Ihnen schwindelig wird und Sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Viele meiner Klienten sprechen vom Gedankenkarussell im Kopf, das ihnen Angst macht und sie davon abhält, Entscheidungen zu treffen. Machen Sie sich in Ihrer Orientierungsphase regelmäßig bewusst, wo Sie gerade stehen und welche Informationen Sie noch benötigen, um eine Entscheidung zu treffen.

Instrumente zur Orientierung können Karriere-Ratgeber, Tipps in Karriere-Blogs und natürlich auch Gespräche mit anderen Menschen sein. Mit Freunden und Partnern, mit Kollegen oder auch mit Ihnen bisher fremden Menschen, von denen Sie glauben, dass sie in Ihrer Orientierungsphase nützlich sein können. Und vielleicht ist auch der neutrale Blick von außen durch einen Coach sinnvoll, um den wirklich eigenen Weg zu finden statt den gut gemeinten Ratschlägen von Freunden zu folgen.

Orientierung erfordert Kreativität. Je stärker Sie unterschiedliche Perspektiven einnehmen und Ihren bisherigen und zukünftigen Weg aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, desto besser. Kreativität auch im Suchprozess: Welche Business-Netzwerke gibt es, die zu Ihnen und Ihrer Situation passen? Welche Jobbörsen gibt es, die speziell auf Ihre Branche und die interessanten Zielpositionen zugeschnitten sind? Mit wem sollten Sie sich vernetzen, um ins Gespräch zu kommen? Wie könnte eine kreative Initiativbewerbung aussehen, falls Sie nicht die passenden Stellenausschreibungen finden? Kreativität erfordert Offenheit im Denken. Geben Sie sich selbst die Erlaubnis, auch über neue Wege nachzudenken und sie vielleicht sogar einzuschlagen.

Wie erfolgreich ist welcher Weg? Wie strukturiere ich das?

Sie müssen jetzt ganz stark sein J Es gibt ihn leider nicht, den goldenen Weg mit rotem Teppich, der Sie garantiert zum nächsten Traumjob führt. Ein Weg ist aus meiner Erfahrung mit Jobwechslern und Bewerbern dann erfolgreich, wenn er eben nicht Schema-F ist. Ein Weg, der zur Zielposition, den attraktiven Arbeitgebern und sicherlich auch zur eigenen Persönlichkeit passt, also eine individuell zugeschnittene Bewerbungsstrategie.

Grundsätzlich halte ich es heute für sinnvoll, als Bewerber mehrgleisig zu fahren: Suchen Sie nach Stellenanzeigen, die Sie wirklich ansprechen und schicken Sie Bewerbungen, die echtes Interesse und Motivation ausstrahlen. Suchen Sie ebenso abseits von Jobbörsen nach Arbeitgebern, Produkten oder Dienstleistungen, die Sie spannend finden und überlegen Sie sich, welche Positionen dort für Sie in Frage kämen. Vielleicht haben Sie eine Idee für eine Initiativbewerbung und schaffen sich selbst Ihre neue Stelle? Gehen Sie auf Job- und Karriere-Messen, schauen Sie sich dort um und kommen Sie ins Gespräch mit Personalentscheidern. Aktivieren Sie Ihr eigenes Netzwerk und signalisieren Sie auf XING oder LInkedin, dass Sie offen für Jobangebote sind. Je mehr Köder Sie als Bewerber auswerfen, desto höher ist heute die Chance, dass der richtige Fisch anbeißt. Auch hier geht es um Kreativität und Vielseitigkeit. Nicht die Masse optimierter Copy-Paste-Bewerbungen wird Sie zum Ziel führen, sondern das gezielte, individuelle und strukturierte Vorgehen mit Plan.

 

Welche Rechte habe ich als Rückkehrer?

Nun, ich bin kein Jurist und möchte die korrekte Antwort auf diese Frage lieber den Rechtsexperten überlassen. Auch wenn es als Bewerber und Arbeitnehmer wichtig ist, die eigenen Rechte zu kennen, geht es aus meiner Sicht jedoch auch bei dieser Fragestellung zunächst um das eigene Bewusstsein.

Ist es überhaupt attraktiv für Sie, an den alten Arbeitsplatz und das Team zurückzukehren? Ist es noch das, was Sie die nächsten Jahre tun möchten oder liegen Ihre Interessen inzwischen woanders? Hören Sie auf, in linearen Karriere-Pfaden zu denken. Es geht nicht darum, nach einer Elternzeit einfach weiter zu machen, wo Sie vorher aufgehört haben, sondern das zu tun, was heute und wahrscheinlich in den nächsten Jahren zu Ihnen und der (neuen) Lebenssituation passt.

Wenn Sie Teilzeit arbeiten möchten, welche Stellen kommen dann in Betracht? Was ist Ihnen bei einer Teilzeitstelle wichtig? Viele Wiedereinsteiger und Eltern, die Teilzeit arbeiten möchten, haben das Problem, dass es ihre „alten Jobs“ nicht als Teilzeit gibt. Die Teilzeit muss weg vom Mutti-Image, habe ich neulich auf XING geschrieben. Wir brauchen dringend neue und flexiblere Arbeitszeitmodelle, die es auch Experten und Führungskräften erlauben, Arbeit und Familie in bestimmten Lebensphasen unter einen Hut zu bekommen. Sind Sie für eine begrenzte Zeit bereit, eine andere, vielleicht auch unter Ihrer Qualifikation angesiedelte Teilzeitstelle anzunehmen oder muss eine andere Lösung her? Welche Arbeitgeber sind heute tendenziell offener eingestellt gegenüber Teilzeit- oder Job-Sharing-Modellen? Recherchieren Sie, wer zu Ihnen und Ihrem Arbeits(zeit)-Modell passt.

Thema Befristung. Ich erlebe viele Jobwechsler, die einen befristeten Vertrag im nächsten Schritt für sich ausschließen. Weil sie bisher von einer Befristung in die nächste gerutscht sind und ihnen nun Sicherheit wichtig ist. Natürlich ist das Leben kein Wunschkonzert, aber statt nur auf die Rechte zu schielen und diese einzufordern, finde ich es in erster Linie wichtig, sich zunächst über die eigene Haltung als Wiedereinsteiger und Bewerber bewusst zu werden – und dann nach den Möglichkeiten zu suchen sowie im Konfliktfall auch die eigenen Rechte einzufordern.

 

Vorteil und Nachteil von Home Office?

Auch diese Frage sollte jeder für sich selbst beantworten. Mir persönlich ist eine ruhige Arbeitsumgebung extrem wichtig, ich hatte immer das Glück eines Einzelbüros und heute genieße ich es, im heimischen Arbeitszimmer zu arbeiten, wenn ich nicht für Coachings im Büro oder bei Kunden bin. Viele Vertriebsmitarbeiter im Außendienst kommen zu mir, denen im Home Office die Decke auf den Kopf fällt. Ihnen fehlt der Kontakt zu den Kollegen und oftmals fühlen sie sich von der Zentrale abgeschnitten und schlecht informiert. Auf der anderen Seite bietet Home Office natürlich auch viele Freiheiten und einen hohen Grad an Flexibilität, gerade für junge Eltern.

Was benötigen Sie, um gut zu arbeiten? Sind Ihnen Kollegialität, Austausch, eine fachliche Nähe zum Chef, schnelle Informationsflüsse oder auch eine klare Trennung von Arbeit und Privatleben wichtig, dann werden Sie sich wahrscheinlich im Home Office auf Dauer nicht wohl fühlen.

Home Office verlangt Selbst-Disziplin. Die Versuchung ist groß, den Nachmittag nach der Mittagspause gemütlich weiter auf dem Sofa zu versacken, mal eben einkaufen zu gehen oder den Hausputz dem unangenehmeren Telefonat mit dem schwierigen Kunden vorzuziehen. Mein Tipp: Wenn Sie die Möglichkeit Home Office haben und dies in Ihrer Lebensphase auch sinnvoll ist, dann machen Sie sich bewusst, was ein guter Rahmen hierfür ist. Vielleicht die klare Trennung des Arbeitsplatzes vom Privatbereich der Wohnung, feste Arbeitszeiten auch zu Hause, regelmäßige Fahrten zur Zentrale und persönliche Gespräche mit Chef und Kollegen. Richten Sie sich Ihr Home Office so ein, wie es gut für Sie ist.

 

Wenn Sie mehr über meine Sicht auf berufliche Neuorientierung und Jobwechsel lesen möchten:

Einmal berufliche Neuorientierung, bitte! (XING)

Berufliche Neuorientierung? – Vergessen Sie’s! (Karriere-Blog Perspektivwechsel)

 

Zum Autor:
Karriere- und Business-Coach Dr. Bernd Slaghuis (www.bernd-slaghuis.de) ist Experte für berufliche Neuorientierung, Bewerbung und gesunde Führung. Als Vorstandsassistent und ehemalige Führungskraft kommt er aus der Praxis. Der Systemische Coach und promovierte Ökonom steht für ein neues Karriere-Verständnis. Seit 2011 arbeitet er in seinem Kölner Büro mit Angestellten und Führungskräften an ihren nächsten Schritten im Beruf und mit Bewerbern an ihrer individuellen Bewerbungsstrategie. Sein Blog „Perspektivwechsel“ zählt zu einem der meistgelesenen Karriere-Blogs in Deutschland. Er ist XING Branchen-Insider, Kolumnist und Gastautor für diverse Karriere- und Management-Magazine. Slaghuis hält deutschlandweit Vorträge, moderiert Workshops und gibt Seminare.