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Special im Januar: Das neue Väterbild in der Pandemie

Während meine Frau sich im Wohnzimmer von Teammeeting zu Teammeeting hangelt, gehe ich gelegentlich die Punkte einer Liste durch. Die hat meine Frau für mich geschrieben als Gedankenstütze, weil ich die Kinderbetreuung übernehmen muss. Komisch – ich habe sie nie mit einem Zettel in der Hand die Dinge tun sehen, die ich jetzt versuche zu tun.
Klar, die Routine fehlt mir in der Rolle des Vaters, dabei halte ich mich im Vergleich zu anderen Vätern noch für einen zumindest teilweise Eingeweihten.

Wenn Kitas und Schulen dicht sind, dann kommt es zu neuer Aufgabenverteilung in der Familie. Konkrete Veränderungen dauern. Aber das Denken darf gerne schon mal vorangehen.

Pandemie und Aufgabenverteilung in der Familie

Die Debatten begannen schon anlässlich des ersten Lockdowns. Der schaffte spürbar stark veränderte Lebensbedingungen: Das Homeoffice war plötzlich möglich und wurde angeordnet. Es war jetzt nur bei gleichzeitigen Schulschließungen auch durchdrungen von Homeschooling.

Die systemrelevanten, aber im Gehalt nicht wertgeschätzten Berufe waren von Überstunden betroffen. Wer über Wochen aber mit Kinderbetreuung zu tun hatte, fuhr jetzt hingegen Minusstunden ein. Was macht das mit den Geschlechterrollen?

Eine frühe Wortmeldung war die von Jutta Allmendinger, die Geschlechtergerechtigkeit aktuell von Coronoa bedroht sieht: Zurück in alte Rollen, titelte sie 2020 einen vieldiskutierten Artikel. Die taz legte nach und konstatierte, dass vor allem Väter jüngerer Kinder nun häufiger von egalitären Einstellungen abgerückt seien. Das Blatt verweist dabei auf schon länger formulierte und nun eventuell gefährdete Ziele, nämlich die Berufstätigkeit von Müttern ebenso zu erhöhen wie die Beteiligung der Väter an häuslicher Sorgearbeit.

Überraschenderweise kommt ausgerechnet die Konrad-Adenauer-Stiftung mit einer interessanten Gegenfrage: Sabine Pokorny bezweifelt in ihrer von der Stiftung beauftragten Studie „Haushalt ist Frauensache? Familienleben vor und während der Corona-Pandemie“ ein angebliches Zurückfallen aus neuen in alte Rollen. Das provokante Argument: So neu wie behauptet ist das Rollenverhalten vor der Pandemie letztlich nicht gewesen!

Harte Zahlen – harte Fakten

Während Fragen nach Befindlichkeit in vielen Studien eine psychologische Landschaft der Befindlichkeiten aufzuhellen versuchen, sprechen Zahlen und Fakten eine klare Sprache.
Es waren offensichtlich mehr Mütter als Väter, die Arbeitszeit reduzierten, um die Versorgungslücken zu Hause schließen. Gemäß Pokornys Zweifeln an bereits erreichten neuem Rollenverhalten sind zwei bis drei Jahrzehnte Geschlechterdebatte nicht ausreichend, gesellschaftliche Realitäten umzuformen.

Manchmal hilft es, eigene Erfahrungen in einem vergleichenden Kontext zu betrachten: In Schweden etwa, wo seit einem halben Jahrhundert eine deutlich egalitärere Familienpolitik betrieben wird, nehmen 80 Prozent der Väter Elternzeit. Da kann man bereits von einem neuen Selbstverständnis väterlichen Rollenverhaltens sprechen. In Deutschland sind es derzeit nur 25 Prozent der Väter, die dann auch noch meist deutlich kürzer als Mütter in Elternzeit gehen.
Doch wir müssen gar nicht ins Ausland schauen: Es ist wenig überraschend, dass alle genannten Quellen die beschriebenen Einstellungsänderungen zurück in altes Rollenverhalten nur bei Männern in Westdeutschland feststellen, nicht aber in den neuen Bundesländern: Dort ist man aus DDR-Zeit einen geschlechterunabhängigeren Umgang mit Themen rund um Arbeit und Familie gewohnt.

Ein Fazit

Leise verlasse ich das Kinderzimmer, in dem unsere beiden Töchter endlich schlafen. Rückblickend bewerte ich es positiv, dass Corona mich in eine alltäglichere Rolle des Vaters brachte. Es bleibt abzuwarten, was an so gelebtem Verhalten zu eigener Haltung wird. Sicherlich hat ein ungewohnt tägliches Miteinander manchen Kindern und Vätern gutgetan. Ich weiß jetzt sicher, dass die aktuell beste Freundin unserer jüngeren Tochter Sybilla heißt.

Was wird sich darüber hinaus tun? Die Pandemie hat ja auch auf mangelnde technische Schulausstattungen und unzureichendes Internet hingewiesen. Ob diese Mängel beseitigt werden?
Und was wird dann mit der Geschlechtergerechtigkeit? Auch an harten Fakten wie gut bezahlten Arbeitsplätzen für Frauen, fortschreitender Gleichstellung und mehr Männern in Elternzeit wird sich das zukünftig werten lassen müssen.