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© charles-fair/unsplash
Familienleben /19. Oktober 2022

Was bin ich meinen Eltern schuldig?

Ich habe den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen. Dieser Satz stößt immer wieder auf Verwunderung, ja gerade zu Entsetzen. Wer sich als erwachsenes Kind von Vater oder der gesamten Familie abwendet, erscheint undankbar und nachtragend. Kinder sind ihren Eltern Dankbarkeit schuldig – so lautet der weitverbreitete Konsens. Egal was passiert, dass Band zwischen Kind und Eltern soll niemals reißen. Von Freunden, Liebhabern oder Ehepartnern trennt man sich. Aber von Mama und Papa?

Ich habe mich von meinen Eltern getrennt

Wenn wir eine Beziehung beenden, weil uns der Partner nicht guttut oder sogar misshandelt, stößt das mittlerweile meist auf Verständnis. Wer den Kontakt zu den Eltern abbricht, muss hingegen zumindest mit Verwunderung rechnen. Schließlich sollten Eltern eine Sonderstellung im Leben haben.

Diese haben sich bei weitem nicht alle verdient.

Als Kind fühlte ich mich von meinen Eltern nicht geliebt. Im Gegenteil, ich fühlte mich unerwünscht. Als wäre ich ein Störfaktor.
Dieses Gefühl hatte nicht nur ich. Mehrfach versuchten meine Großtante und mein Großonkel mich zu sich zu holen. Ein Angebot, das ich nur zu gerne angenommen hätte. Doch die Eltern, die mich zu Hause nicht beachteten, allein einsperrten und sogar ohne mich in den Urlaub fuhren, führten an, sie würden mich vermissen.

Meine Geschwister bekamen einen Führerschein und ihre eigenen Autos zur Volljährigkeit. Als „Geschenk“ zu meinem 18. Geburtstag bestätigte meine Mutter schließlich, was ich längst wusste: Sie hatte bereits einen Termin für meine Abtreibung gehabt. Ich war weder geplant, noch erwünscht.

Ich brach den Kontakt ab. Nach einem Leben voller Vorwürfe, Schuldzuweisungen, psychischem, emotionalem und physischem Missbrauch war das die richtige Entscheidung für mich. Dennoch wurde ich in den Jahrzehnten seit diesem Schritt immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob ich es ihnen als ihr Kind nicht schuldig bin, eine Versöhnung anzustreben.

Gründe so unterschiedlich wie Menschen

Wie oft sich Kinder von ihren Eltern lossagen oder umgekehrt, dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. Kontaktabbrüche finden jedoch häufiger statt, als wir es uns vorstellen können.

Es gibt vielfältige Gründe, weshalb Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Manchmal ist es die Nähe, die die Eltern nicht fähig sind zu zeigen. Oder Eltern trennen sich und der alleinerziehende Teil ist mit seinem Part überfordert, Depressionen usw. Manchmal ist auch der neue Partner der Auslöser, wenn Elternteile wieder heiraten. Die Kinder verstehen sich mit diesem nicht und aus Angst vor Konflikten werden die Kinder vom leiblichen Elternteil selten offen verteidigt.

Was bin ich meinen Eltern schuldig?

Rechtlich betrachtet sind Eltern und Kinder einander gegenseitig zu Beistand und Rücksichtnahme verpflichtet. Das kann sich beispielsweise in Form von Hilfe bei der Suche nach einem Pflegeplatz äußern – ist allerdings äußerst vage formuliert. Interessant ist die gegenseitige Verpflichtung. Hat ein Kind niemals Beistand oder Rücksichtnahme durch die Eltern erfahren, sollte es sich im Erwachsenenalter ebenfalls den Eltern gegenüber nicht dazu verpflichtet sehen.

Moralisch ist die Frage einfacher zu beantworten, wenn Sie alle Komponenten betrachten.

1. Eltern entscheiden sich für Kinder

Kinder können sich weder aussuchen, geboren zu werden, noch wer ihre Eltern sind. Sie schulden ihren Eltern also nichts dafür, auf die Welt gekommen zu sein.

2. Dankbarkeit statt Schuld

Wer das Glück hat, das Kind liebevoller und bemühter Eltern zu sein, ist hoffentlich automatisch dankbar und hat auch als Erwachsener eine gute Beziehung zu ihnen. Es schadet nicht, ab und an bewusst darüber nachzudenken, was sie geleistet und worauf sie vielleicht verzichtet haben, um ihren Kindern das bestmögliche Leben zu bieten.

Die Dankbarkeit verpflichtet zu nichts und sollte von Eltern nicht dazu ausgenutzt werden, Kindern ein schlechtes Gewissen einzureden. Das Verhalten der eigenen Eltern zu reflektieren und anzuerkennen kann jedoch dabei helfen, besser mit Konfliktfällen umzugehen und bisher unklare Verhaltensweisen zu verstehen.

3. Abgrenzung in Betracht ziehen

Wer ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hat, wird sich wohl nie die Frage stellen, was er ihnen schuldig ist und ob er sich von ihnen abgrenzen sollte. Denn gesunde Beziehungen beruhen auf Austausch, Geben und Nehmen und einem respektvollen Umgang miteinander. Es ist daher für viele selbstverständlich, ebenso für die Eltern da zu sein, wie sie für ihre Kinder da waren.

Stellt bereits der bloße Kontakt zu Ihrer Familie einen Stressfaktor dar, fühlen Sie sich nach jedem Gespräch unwohl oder bemerken Sie deutlich, dass Sie jedes Treffen als Zeitverschwendung empfinden und es Ihnen damit nicht gut geht: grenzen Sie sich ab.

Das sagt sich sehr einfach, ist für viele trotz schlechter Erfahrungen in der Kindheit jedoch schwer zu realisieren. Hier hilft es, den Grund dafür zu hinterfragen. Reines Pflichtgefühl ist oftmals nicht die wirkliche Ursache. Stattdessen hoffen erwachsene Kinder meist, wenn auch unterbewusst, auf die Zuwendung und Liebe, die sie in ihrer Kindheit und Jugend nicht erhalten haben.

Ein Kontaktabbruch ist das Ergebnis eines langen Prozesses mit hohem Leidensdruck.

FAZIT: Jeder muss seinen individuellen Weg finden

Man kann sich die Menschen, mit denen man verwandt ist, nicht aussuchen – seine Familie schon. Für viele ist es keine einfache Entscheidung, den Kontakt zur Familie abzubrechen. In einigen Konstellationen ist es jedoch die einzige Möglichkeit, selbst ein glückliches Leben zu führen und die eigene Gesundheit zu bewahren. In anderen hilft es bereits, offene Gespräche zu führen und Kompromisse einzugehen oder klare Grenzen zu setzen und diese zu verteidigen.

 

 

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