Allgemein /27. Dezember 2016

Gutes tun, darüber sprechen, Gutes tun …

Morgens 26km bergab und abends wieder hoch, mit Anzug in der Radtasche und Notebook sowie unzähliges anderes Wichtiges in der neuen Luxus-Ledertasche auf der anderen Seite des Gepäckträgers. Ok, nicht jeden Tag aber doch so häufig wie möglich und ja, es ist ein E-Bike. Aber Schweiß rinnt dennoch…

Der Schweiß rinnt besonders, als ich am heißen Septembervormittag am Hauptbahnhof für die reiselustigste Ehefrau von allen für ihren jährlichen Mädelsausflug (dieses Mal nach Schweden) noch ein paar liebevolle Kronen bei der Reisebank tausche und weitere zehn Minuten später entsetzt feststellen muss, dass mir in dem Gewühl im Bahnhofsbereich doch tatsächlich ein gemeiner Dieb die Tasche vom Gepäckträger gepflückt habe. Hey, für diese Tasche habe ich GESPART!!! Vom Mund!!! Meine Kinder hungern täglich, damit Papa diese Tasche haben konnte! Und jetzt weg. Vom Inhalt mal ganz zu schweigen… Zur Assistentin geeilt, Polizei-Notruf ausgelöst, ist ja maximal zehn Minuten her.
„Da müssen Sie erstmal zur Wache kommen und eine Strafanzeige stellen“… Ok, bis dahin ist die Tasche im Main versenkt und meine Wertsachen verteilt bei den lokalen Hehlern.

Ich bin bedient – die ganze Woche war der pure Stress mit einer viertägigen Schulung und anschließender Messe, die Kinder kaum gesehen und jetzt der krönende Abschluss…
Die Gemahlin schönt gerade unter der flinken Hand des Meisters, als mein Anruf sie ereilt und sie vor Schreck fast ihr Haupthaar unter der Schere einbüßt.
„Sofort Karten sperren, bla bla bla… Aufträge…“
Am Arbeitsplatz nur Chaos. Notebook weg. Datensicherung auslösen…
Ein Anruf… die Polizei ist dran! „Wir kommen in wenigen Minuten zu Ihnen, wir haben die Tasche.“
Pffff… wahrscheinlich leer? Zwei nette Polizisten bringen mir tatsächlich die Tasche! Voll… alles drin! In einer Metropole wie Frankfurt, ich bin geplättet und kann mir wahre Anerkennung nicht verkneifen.

„Der Dank gebührt dem mutigen Mitbürger mit Migrationshintergrund“ berichtet mir der Polizist nach Protokoll sowie Vollständigkeitsüberprüfung und übergibt mir vor überschwänglichem Abschied auf Nachfrage zwecks Finderlohn die Kontaktdaten. „Er hat die Diebin gesehen und verfolgt, dabei uns aufmerksam gemacht. So konnten wir sie stellen.“
Ich rufe den mutigen Mitbürger an, bedanke mich für die Heldentat und die Zivilcourage und höre neben seinem bescheidenen Dank für mein Danke eine erschütternde Geschichte.
Geflohen im eriträischen Bürgerkrieg der 90er Jahre nach Deutschland, integriert und mit sehr guten deutschen Sprachkenntnissen kehrte er vor wenigen Jahren nach Eritrea zurück um in die erneut aufgeflackerten Unruhen verwickelt zu werden und über den Sudan wieder nach Deutschland zu kommen. „Welch ein Leben“, denke ich mir und gleichzeitig wie gut es mir geht. Um dann noch zu erfahren, dass er wegen meiner Taschenverfolgung und anschließender polizeilicher Vernehmung ein Bewerbungsgespräch versäumt hat. Es ist mir so schrecklich unangenehm, ich will unbedingt etwas Gutes für ihn tun – ich frage ihn, was für eine Bewerbung denn das wäre.
Er sei im Sicherheitsdienst tätig, Empfangsbereich bei Firmen, Banken und ähnliches.
Eine halbe Stunde später habe ich in meinem Personalbereich die erste Botschaft abgesetzt – in einem Konzern mit rund 14.000 Mitarbeitern und tausenden Kontakten sollte es doch möglich sein, eine gute Anstellung für einen verdienten und erwiesenermaßen ehrlichen und beflissenen Bürger mit Integrationswillen eine passende Stelle zu finden. Wir werden sehen.
Was können wir gemeinsam tun? Sie, die diese Nachricht lesen, können mir über den Verteilungsweg helfen, diese Nachricht zu verbreiten.

Den Mensch gibt es wirklich, so wahr auch die Geschichte von der Tasche ist. Wir möchten dem Herrn gerne helfen, das wegen mir versäumte Bewerbungsgespräch mit noch mehr Erfolg als Belohnung vielleicht mit einer sogar besseren Stelle nachzuholen.
Wenn Sie also jemanden kennen, der Personal im Sicherheitsdienst im Raum Frankfurt / Taunus sucht, bitte mir nennen. Ich habe die Kontaktdaten.
Gleichzeitig schaue ich heute Abend auf den Vollmond am Himmel und glaube zwischen dem Irrsinn der schlechten politischen Nachrichten einen Lichtstreif am Horizont gesehen zu haben. Es tut gut.

Danke Ihnen, Sie guter Mensch aus Eritrea!
Ihr Familienvater von taunus4family.de