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Familienleben /31. August 2023

Moderne Vielfalt – Familienmodelle heute

Die Stiefmutter darf einem Kind keine Schulentschuldigung unterzeichnen, und schwule Paare mit dem Wunsch nach Kindern können diesen nicht durch Leihmutterschaft umsetzen. Nicht nur auf institutioneller, sondern auch auf sozialer Ebene können pluralistische Lebensformen benachteiligt werden. Die gesellschaftlichen Reaktionen auf Familien, die von der traditionellen Kernfamilie abweichen, variieren.

Doch was genau definiert eigentlich eine Familie?

In der soziologischen Perspektive wird die Kernfamilie als ein Bruch mit dem traditionellen Großfamilienmodell betrachtet. Diese Form der Kleinfamilie, früher als Gattenfamilie bezeichnet, setzt sich aus Vater, Mutter und Kindern zusammen. Diese Familienstruktur hat sich im Verlauf der letzten zweihundert Jahre entwickelt und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zur vorherrschenden Norm. Über lange Zeit hinweg war es selbstverständlich, in welchem Familienmodell Kinder heranwachsen. Und selbst heute wird das Konzept der Kernfamilie immer noch als Leitbild betrachtet, nach dem Politik und Gesellschaft ausgerichtet sind. Dieses Modell der Kernfamilie erscheint als das Natürlichste, Stabilste und ‚Normalste‘ und besteht – zumindest gesellschaftlich – nach wie vor.

Diese Dominanz wird auch in vielfältigen Lebensbereichen sichtbar: Angefangen bei der Ausrichtung von Wohnungen bis hin zu Urlaubsangeboten oder Werbebotschaften. Alles scheint auf die vermeintlich „normale“ oder „ideale“ Familie zugeschnitten und ausgerichtet zu sein.

Gelebtes Familienmodell vs. Traditionelle Kernfamilie

Die traditionelle Familienstruktur und die Bedeutung der biologischen Verwandtschaft schwinden jedoch schon länger. Bei genauer Betrachtung des Alltags wird deutlich, dass Deutschland deutlich vielfältiger ist: Alleinerziehende, Patchwork-Familien, Regenbogenfamilien und Co-Parenting sind allgegenwärtig.

Doch wir als moderne Eltern fühlen uns manchmal von Selbstzweifeln geplagt. In solchen Momenten neigen wir dazu, unsere Lebensentwürfe und Familienmodelle zu vergleichen, zu bewerten und gegeneinander abzuwägen. Warum empfinden wir so?

Sowohl im Bereich des Steuerrechts, Unterhaltsrechts als auch im Namensrecht zeigt sich, dass nicht ausschließlich konservative Kräfte den Fortschritt behinderten und bis heute behindern. Offensichtlich ist das Thema Familie und Kinder nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch politisch gesehen, äußerst komplex und von Emotionen geprägt. Die FDP verfolgt in Bezug auf die Grundsicherung für Kinder wieder den traditionell neoliberalen Ansatz. Gleichzeitig präsentiert sie jedoch realistischere Ansichten im Bereich des Unterhaltsrechts, im Gegensatz zu den Grünen. Letztere feiern sich aktuell für die Reform des Namensrechts, aber in der Diskussion um den Unterhalt verfestigen sie scheinbar immer noch das Stereotyp, dass Kinder nur bei der Mutter glücklich sein können und Väter lediglich für die Finanzierung zuständig sind.

Die Gesetze hinken in der Regel der Zeit hinterher und bilden die Realität nicht ab: Das ist nicht immer zu verstehen.

Offen für Vielfalt und Abenteuer

Wir als Eltern haben eine klare Vorstellung davon, was wir vermeiden möchten: keine autoritäre Erziehung, keine eingefahrenen Vorstellungen von der fürsorglichen Mutter und dem autoritären Patriarchen, keine traditionelle Aufteilung in Ernährer und Betreuerin, und Gewalt steht ohnehin außer Frage. Diese Vorstellungen sind jedoch hauptsächlich in negativer Formulierung und Abgrenzung definiert. Was uns häufig fehlt, sind positive Vorbilder, die uns zeigen können, wie wir unsere Elternrolle auf eine positive Art ausfüllen können. Wir befinden uns in gewisser Weise als Pioniere auf unbekanntem Terrain, was einerseits faszinierend ist, andererseits aber auch anstrengend sein kann. Besonders in komplexen Patchwork-Familienkonstellationen, wie in meinem Fall, fühlen wir uns oft verunsichert. Ich denke, das gilt ebenso für andere Konstellationen, die vom traditionellen Familienbild abweichen, das von der Politik immer unterstützt wurde: die Kernfamilie bestehend aus Vater, Mutter und Kind(ern).

Die typische Familie gibt es nicht (mehr)

Persönlich widerstrebt es mir, fortlaufend Lebensmodelle miteinander zu vergleichen, zu bewerten oder gegeneinander abzuwägen. Jeder sollte seinen eigenen Weg finden, um Glück zu empfinden, solange diese individuelle Freiheit nicht die Freiheit anderer einschränkt, niemanden bevormundet oder keine finanziellen Belastungen für andere verursacht. Ebenso bin ich gegen die Praxis, Familienmodelle mit bestimmten Attributen zu versehen, nach dem Schema: Kernfamilien gelten als konservativ und alle vielfältigen Modelle als progressiv. Tatsächlich kann es genau umgekehrt sein.

Übrigens sind sogenannte „intakte“ Welten oder „perfekte“ Familien äußerst selten anzutreffen. Alle durchlaufen einen ständigen Prozess und kämpfen um das Beste, während sie Veränderungen sowohl in der Gesellschaft als auch im Privaten unterliegen. Familie ist kein Sprint, sondern eher ein Langstreckenlauf im Leben. Womöglich werde ich niemals eine Goldene Hochzeit feiern, wie meine Eltern es getan haben, aber es käme mir nicht in den Sinn, deshalb ihr Modell als „glücklich“ und meines als „zersplittert“ oder zumindest „herausfordernd“ zu bezeichnen.

Wenn ich mich in Bezug auf meine Patchwork-Großfamilie jemals angegriffen oder abgewertet fühle, hilft mir meine religiöse Grundeinstellung. Allerdings interpretiere ich diese anders als die offizielle Kirche. Ich betone gerne, dass es Jesus war, der von einem Stiefvater namens Josef aufgezogen wurde und sogar am Kreuz, kurz vor seinem Tod, seiner Mutter Maria seinen besten Freund als neuen (Ersatz-)Sohn anvertraute. Hat Jesus damit nicht eine Art Patchwork-Familienstruktur gelebt?

Kürzlich sollte mein jüngstes Kind für den Kindergarten seinen Stammbaum zeichnen, und wir benötigten ein ziemlich großes Blatt Papier. In meiner bunten Patchwork-Konstellation haben meine fünf Kinder zwei biologische Väter und zwei biologische Mütter, von denen einige wiederum neue Partnerschaften mit anderen Patchwork-Familienformen eingegangen sind. Der Stammbaum sah eher wie ein dichter Dschungel aus. Doch im besten Fall ist er auch ein Netz, das stabil ist – und hoffentlich standhält, selbst wenn mal ein Knotenpunkt ausfällt.

Mein ältester Sohn, der im letzten Jahr für sein Studium weggezogen ist, hatte jedoch zunächst keine Lust auf eine Wohngemeinschaft. Ich fand das eigenartig, da ich dachte, dass es der einfachste Weg in einer neuen Stadt sei, Anschluss zu finden. Seine aber durchaus nachvollziehbare Erklärung war: „Ich möchte einfach mal alleine sein“.

Nein, Patchwork ist nicht die neue Norm. Dennoch ist es genauso wenig abnorm. Punkt.

Mehr Absprachen und Koordination

Ich bin mit sehr bewegenden Geschichten aus der Patchwork-Welt vertraut. Geschichten von Kindern, die den Kontakt zu ihren leiblichen Eltern abbrechen, weil sie sich von den Kindern des neuen Partners verdrängt fühlen. Aber auch von Paaren, die sich trennen, weil sie feststellen, dass die Belastung durch ihre Kinder zu groß ist. Gleichzeitig habe ich aber auch ermutigende Erzählungen gehört, in denen Bonuseltern und Kinder aus vorherigen Beziehungen außergewöhnliche Integrationsarbeit leisten. Hier ergänzen sich die biologischen Eltern, anstatt miteinander zu konkurrieren, indem sie ihre individuellen Stärken und Schwächen einbringen. Nach 20 Jahren Erfahrung in der Vaterschaft kenne ich traurige und zugleich wunderschöne Geschichten aus jeder anderen Form von Familienkonstellation.

Letztendlich kommt es darauf an: Nicht das Modell bestimmt unser Glück oder Unglück, sondern wir als Menschen.

Es steht niemandem zu, ein bestimmtes Modell zu verurteilen oder zu verherrlichen. Aus diesem Grund sollte die Politik alle Modelle gleichermaßen unterstützen. Wir sind fehlbar, müssen lernen und Vergebung üben, denn letztendlich sind wir alle suchende Individuen – ganz gleich, ob wir unter einem katholischen Kreuz oder einer Regenbogenfahne stehen.

Das Konzept von Familie hat an Vielfalt gewonnen und setzt seinen Wandel fort. In verschiedensten Lebensgemeinschaften kümmern sich Menschen auf unterschiedliche Arten umeinander und tragen füreinander Verantwortung.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende, ganz gleich in welcher Familienkonstellation Sie sich befinden!

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