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© Gorodenkoff/iStock.com
Familienleben /1. November 2023

Digital Detox gegen digitale Reizüberflutung

Ein Laptop auf dem Schreibtisch, das Smartphone in der Tasche und um mich herum W-Lan und Handynetze. Je mehr Informationsquellen um mein Aufmerksamkeit buhlen, desto schwerer fällt es mir, diese zu bündeln und aufrechtzuerhalten.

Wir sind heute überflutet von Informationen. In der Vergangenheit wurden Neuigkeiten durch Bänkelsänger oder Extrablätter verbreitet, der Rundfunk integrierte sie in ein festes Sendeformat. Heute erreichen uns Informationen ununterbrochen über zahlreiche Kanäle: Messengerdienste, soziale Medien, Eilmeldungen, Liveblogs, Bücher, Kinofilme, TikTok usw. Alles scheint immer schneller veraltet zu sein, und unsere „kollektive Aufmerksamkeit“ schwindet.

Wir scrollen, bis wir auf etwas stößen, was uns gefällt oder zum Lachen bringt. Dies führt zu einem Dopamin-Schub im Gehirn, der gleichzeitig die Motivation steigert, weiterzumachen und noch mehr Dopamin freizusetzen.

Die Suche nach Aufmerksamkeit

Und noch eine Sache hat sich in den letzten hundert Jahren grundlegend geändert: In der Ära der sozialen Medien ist es nicht nur wichtig, Aufmerksamkeit zu schenken, sondern auch Aufmerksamkeit zu erhalten.

Die Kunst der Rhetorik, die darauf abzielt, die Aufmerksamkeit anderer zu fesseln, existierte zwar bereits im antiken Griechenland. Doch das aktive Streben nach individueller Aufmerksamkeit wurde erst mit dem Aufkommen des Internets zum Massenphänomen. Über das Internet kann heute jede Person ihre Texte, Fotos, Filme und Musik weltweit veröffentlichen.

Information frisst Aufmerksamkeit

Follower, Likes, Retweets und andere Reaktionen werden mit Zahlen versehen. Die Aufmerksamkeit, die wir erhalten, ist zu einer Art Währung geworden. Neben der Sorge, nicht genug Konzentration für das moderne Leben aufbringen zu können, ist eine weitere hinzugekommen: die Angst, nicht genug Aufmerksamkeit zu erhalten. Da Konzentration eine gelenkte Form der Aufmerksamkeit ist, erfordert die Anstrengung heute eine doppelte Aufgabe. Denn es erfordert auch Konzentration, die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen.

Spanne der kollektiven Aufmerksamkeit schrumpft

Die meisten Angestellten arbeiten durchschnittlich elf Minuten am Stück, bevor sie von einer E-Mail, einem Anruf oder einem Kollegen unterbrochen werden. Diese ständigen Unterbrechungen führen dazu, dass das Gehirn nicht mehr effizient mehrere Aufgaben gleichzeitig verarbeiten kann. Dies kann zu Symptomen führen, die denen des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms (ADS) ähneln, darunter Konzentrationsstörungen und eine geringe Frustrationstoleranz.

Multitasking

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum anzunehmen, dass Multitasking möglich und produktiv sei. Tatsächlich ist das genaue Gegenteil der Fall: Wenn es um die Aufmerksamkeit geht, sind unsere Gehirne nicht dazu in der Lage. Was oft als Multitasking wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit das schnelle Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Aufgaben. Und selbst diese Fähigkeit beherrschen wir nur begrenzt und mit Einbußen in der Effizienz. Tatsächlich brauchen wir doppelt so lange und machen fast doppelt so viele Fehler, wenn wir schnell zwischen kognitiv anspruchsvollen Aufgaben hin und her springen, verglichen mit einer Situation, in der wir die Aufgaben seriell – also nacheinander erledigen.

Informationsflut verändert unser Gehirn

Die Auswirkungen der Informationsflut sind nicht nur für uns Eltern spürbar, sondern auch für unsere Kinder und Jugendlichen, die in einer Welt aufwachsen, in der moderne Kommunikationsmittel allgegenwärtig sind und einen festen Platz in ihrem Leben haben. Kinder und Jugendliche reagieren heute schneller, spontaner und flexibler als noch vor 15 Jahren. Sie sind äußerst geschickt darin, visuelle Informationen zu verarbeiten.

Aber warum muss die nächste Clan-Schlacht während des Frühstücks beginnen oder in der einzigen Pause?

Wer surft, der gleitet NICHT in die Tiefe

Die anfängliche Freude am ständigen Online-Sein, bei dem man kontinuierlich mit neuen Informationen versorgt wird und sich sozial eingebunden fühlt, kann irreführend sein. Tatsächlich beansprucht dieser Zustand die Psyche, da das Verfolgen ständiger neuer Nachrichten und Bilder Energie erfordert. Dies kann zu Erschöpfung führen und es bleibt wenig Energie übrig, um sich länger auf andere Aufgaben zu konzentrieren.

Vielen jungen Menschen fällt es immer schwerer, sich über längere Zeiträume zu konzentrieren. Wer es gewohnt ist, alles online nachzuschlagen zu können, mag zwar Zugang zu Informationen haben. Dennoch ist es schwieriger, aus diesen Informationen differenziertes Wissen zu generieren. Letztendlich ist es nämlich nicht nur entscheidend, welche Informationen wir finden, sondern vor allem, wie wir diese nutzen und verarbeiten.

Forscher haben entdeckt, dass das Lernen im Multitasking-Modus, bei gleichzeitiger Nutzung von Social-Media-Apps, dazu führt, dass der eigentliche Lernstoff in den „falschen“ Gehirnbereichen verarbeitet wird. Dies kann zu einer unzureichenden Speicherung von Wissen führen und den späteren Abruf erschweren.

Das Lesen eines Buches oder das Verfolgen eines Vortrags bereitet vielen von ihnen daher bereits Schwierigkeiten.

Wie kommen wir wieder zur Ruhe?

Die Aufmerksamkeitsspanne für ein einzelnes Thema wird tatsächlich immer kürzer. Gleichzeitig springt das Interesse immer schneller von einem Thema zum nächsten.  Die menschliche Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource, und bedauerlicherweise verschwenden wir sie ständig. Der immense Dateneinfluss, die fehlende Priorisierung von Aufgaben und die Nutzung zu vieler Tools können uns das Leben erheblich erschweren.

Es gibt keinen objektiven Gradmesser, aber häufig verspürt man ein subjektives Gefühl. Daher empfehle ich, auf sich selbst zu hören: Fühle ich mich frisch und klar im Kopf? Bin ich geistig fit und habe ich ausreichend Zeit für die Dinge, die mir wichtig sind? Oder  fühle ich mich von Reizen überflutet, bin ich hektisch und unkonzentriert? Hinterfragen Sie die Nutzung von digitalen Tools. Unsere Tipps:

  • Digitale Tools: Kein Twitter/TikTok, Facebook, WhatsApp oder Instagram mehr während des Tages
  • Handykontrolle mit handyfreie Zonen: Für Teenager wie für Erwachsene. So eine Zone kann etwa der Frühstücks- oder Abendessentisch sein
  • Fokus: Nachrichten nicht zufällig lesen, sondern sie gezielt auswählen
  • Bettnachbar: Smartphones, Tablets oder Computer aus dem Schlafzimmer verbannen
  • Kein Dauerbetrieb: Fernseher und Smartphone nach dem Abendessen ausschalten
  • Sport: Bewegung macht konzentrationsfähiger. Je höher die Fitness, desto besser können wir uns konzentrieren und umso höher ist die Lebensqualität

 

 

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