
Kinderwunsch: Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist
Die Entscheidung für ein Baby haben wir gemeinsam getroffen. Voller Vorfreude malen wir uns aus, wie unser Leben zu dritt aussehen könnte. Die Verhütung ist abgesetzt und insgeheim hoffen wir, schon bald einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen zu halten. Doch dann kommt die erste Periode, die zweite, die dritte. Mit jedem Monat wächst die Enttäuschung und irgendwann schleicht sich die Frage ein: Stimmt etwas bei uns nicht?
Meist lautet die Antwort: nein. Eine Schwangerschaft braucht bei gesunden Paaren oft mehr Zeit, als man denkt. Es hilft trotzdem zu wissen, was normal ist, was man selbst beeinflussen kann und ab wann ein Gespräch in der Praxis sinnvoll wird.
Wie lange es normalerweise dauert
Auch bei jungen, gesunden Paaren liegt die Chance auf eine Schwangerschaft pro Zyklus nur bei etwa 20 bis 30 Prozent. Das bedeutet: In den meisten Monaten klappt es nicht, und das ist kein Warnsignal.
Über einen längeren Zeitraum sieht es deutlich besser aus. Bei regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr werden innerhalb eines Jahres über 80 Prozent der Paare schwanger, wenn die Frau jünger als 40 ist, innerhalb von zwei Jahren über 90 Prozent. Mit zunehmendem Alter der Frau, vor allem ab Mitte 30, sinkt die Chance pro Zyklus deutlich, und es dauert im Schnitt länger.
Wer die Pille oder eine andere hormonelle Verhütung abgesetzt hat, muss übrigens nicht abwarten. Der Zyklus braucht manchmal ein paar Monate, um sich einzupendeln, die Fruchtbarkeit selbst kehrt aber in der Regel schnell zurück. Eine Ausnahme ist die Dreimonatsspritze: Nach der letzten Spritze kann es bis zu einem Jahr dauern, bis sich der Zyklus wieder normalisiert, in Einzelfällen auch länger.
Die fruchtbaren Tage
Eine Eizelle ist nach dem Eisprung nur etwa 12 bis 24 Stunden befruchtungsfähig. Spermien können dagegen bis zu fünf Tage überleben. Das fruchtbare Fenster umfasst deshalb ungefähr sechs Tage: die fünf Tage vor dem Eisprung und den Tag des Eisprungs selbst.
Wann der Eisprung genau stattfindet, ist von Frau zu Frau und von Zyklus zu Zyklus verschieden. Zykluskalender, Temperaturmessung oder Ovulationstests aus der Drogerie können helfen, das Fenster einzugrenzen. Nötig sind sie nicht. Regelmäßiger Geschlechtsverkehr alle zwei bis drei Tage deckt das fruchtbare Fenster ebenfalls ab, und das ohne den Druck, einen bestimmten Tag treffen zu müssen.
Was Sie selbst tun können
Einiges lässt sich schon vor der Schwangerschaft vorbereiten.
- Folsäure: Frauen mit Kinderwunsch wird empfohlen, täglich 400 Mikrogramm Folsäure einzunehmen. Am besten beginnt man damit, sobald derKinderwunsch feststeht, und nimmt sie bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche. Das senkt das Risiko für Neuralrohrdefekte beim Kind, also Fehlbildungen von Gehirn und Rückenmark wie einen offenen Rücken. Tritt die Schwangerschaft ein, bevor man vier Wochen lang Folsäure genommen hat, werden bis zum Ende der 12. Woche 800 Mikrogramm täglich empfohlen. Wer schon ein Kind mit einem Neuralrohrdefekt bekommen hat, bespricht die Dosis vorher ärztlich, denn sie kann dann höher sein.
- Impfschutz prüfen: Ein Blick in den Impfpass lohnt sich, besonders bei Masern, Röteln und Windpocken. Gegen Röteln sollten zwei Impfungen im
Impfpass stehen. Bei Windpocken kommt es darauf an, ob man sie sicher schon hatte. Im Zweifel klärt das ein Bluttest. Fehlende Impfungen werden am besten vor der Schwangerschaft nachgeholt. Weil es Lebendimpfstoffe sind, sollte zwischen Impfung und Schwangerschaft mindestens ein Monat liegen. Klappt es doch früher, ist das kein Grund zur Sorge: Schäden beim Kind sind dadurch bisher nicht bekannt geworden.
- Medikamente besprechen: Wer dauerhaft Medikamente nimmt, etwa gegen Bluthochdruck, Epilepsie oder eine Schilddrüsenerkrankung, sollte den
Kinderwunsch früh ärztlich besprechen. Das gilt auch für Abnehmspritzen und manche Diabetesmittel, als Spritze oder als Tablette: Einige davon müssen schon ein bis zwei Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden. Bitte nichts auf eigene Faust absetzen.
- Rauchen und Alkohol: Rauchen verringert die Fruchtbarkeit bei Frauen und Männern. Frauen mit Kinderwunsch wird empfohlen, ganz auf Alkohol
zu verzichten. Eine sichere Menge gibt es nicht, und eine Schwangerschaft bemerkt man oft erst nach einigen Wochen.
- Jod: Achten Sie auf genug Jod, zum Beispiel mit Jodsalz. In der Schwangerschaft wird zusätzlich ein Jodpräparat mit 100 bis 150 Mikrogramm
täglich empfohlen. Wer eine Schilddrüsenerkrankung hat, bespricht das vorher ärztlich.
- Gewicht: Deutliches Über- oder Untergewicht kann den Zyklus durcheinanderbringen und den Eisprung seltener machen.

Kinderwunsch ist Sache von zwei Menschen
Wenn es länger dauert, richtet sich der Blick oft zuerst auf die Frau. Dabei liegt die Ursache bei etwa der Hälfte der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ganz oder teilweise beim Mann. Rauchen, Übergewicht, Hitze im Genitalbereich und manche Medikamente können die Spermienqualität beeinflussen. Besonders stark wirken Testosteron und Anabolika: Sie können die Bildung von Spermien bis zum völligen Stillstand bremsen. Wer Testosteron verordnet bekommen hat, spricht den Kinderwunsch deshalb früh in der Praxis an.
Die gute Nachricht: Die Untersuchung beim Mann ist vergleichsweise einfach. Ein Spermiogramm zeigt Anzahl, Beweglichkeit und Form der Spermien und liefert schnell eine erste Einschätzung. Ist ein Wert auffällig, wird der Test meist nach 8 bis 12 Wochen wiederholt, denn ein einzelnes Ergebnis kann schwanken. Es ist sinnvoll, diese Untersuchung früh mitzudenken und nicht erst am Ende einer langen Reihe von Untersuchungen bei der Frau.
Wann ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist
Als Faustregel gilt: Hat es nach zwölf Monaten mit regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht geklappt, ist ein Termin sinnvoll. Ist die Frau 35 Jahre oder älter, schon nach sechs Monaten. Ab etwa 36 Jahren kann ein Gespräch auch schon zu Beginn sinnvoll sein.
Früher lohnt sich ein Gespräch auch, wenn:
- die Periode sehr unregelmäßig ist oder ganz ausbleibt,
- die Regelblutung sehr schmerzhaft ist oder eine Endometriose bekannt ist,
- es früher Entzündungen im Unterleib oder eine Chlamydien-Infektion gab,
- beim Mann ein Hodenhochstand in der Kindheit, eine Operation im Genitalbereich oder eine Chemotherapie bekannt ist,
- bereits mehrere Fehlgeburten aufgetreten sind.
Erste Anlaufstelle ist meist die frauenärztliche Praxis. Für den Mann sind Urologie oder Andrologie zuständig. Reichen die ersten Untersuchungen nicht aus, kann eine Überweisung in ein Kinderwunschzentrum folgen, von denen es im Rhein-Main-Gebiet mehrere gibt. Die Untersuchungen zur Ursache bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen. An den Kosten einer künstlichen Befruchtung beteiligen sie sich unter bestimmten Voraussetzungen, unter anderem nur, solange die Frau jünger als 40 und der Mann jünger als 50 ist. Die genauen Bedingungen erklärt die Kasse oder die behandelnde Praxis.
Hat die Abklärung in der Praxis eine Ursache gefunden und kommt eine Behandlung mit Medikamenten infrage, bieten manche Online-Anbieter wie Apo365 eine ärztliche Online-Konsultation an: Eine Ärztin oder ein Arzt prüft einen medizinischen Fragebogen und stellt bei Eignung ein Privatrezept aus. Das ersetzt weder die Abklärung vorher noch die Kontrollen vor, während und nach jedem Behandlungszyklus, etwa Ultraschall und Blutwerte. Sie finden in der Praxis statt, und die Praxis sollte wissen, welche Medikamente Sie nehmen. Mittel, die den Eisprung auslösen, nimmt man nur, solange die Praxis die Behandlung begleitet.
Und die Nerven?
Der Satz „Entspannt euch einfach, dann klappt es schon“ ist gut gemeint und hilft selten. Stress allein ist nur in Ausnahmefällen der Grund, warum es nicht klappt. Er macht die Wartezeit aber schwerer.
Viele Paare empfinden es als entlastend, sich eine Frist zu setzen: Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wird nicht gerechnet und nicht getestet, danach wird ein Termin vereinbart. So bleibt die Beziehung nicht nur ein Projekt, und der nächste Schritt ist trotzdem klar.
Zusammengefasst
Dass es nicht sofort klappt, ist bei den meisten Paaren völlig normal. Folsäure, ein geprüfter Impfschutz, der Verzicht auf Alkohol und ein Gespräch über Dauermedikamente sind sinnvolle Vorbereitungen. Nach einem Jahr ohne Schwangerschaft, ab 35 nach einem halben Jahr, lohnt sich die ärztliche Abklärung, und zwar für beide Partner. Ab etwa 36 kann ein Gespräch auch schon früher sinnvoll sein.









