
Perfekte Eltern? Braucht kein Kind!
„Mama, wo ist meine Sporttasche?“ – „Was gibt es heute zu essen?“ – „Kannst du mich nachher fahren?“ Während ich noch versuche, auf drei Fragen gleichzeitig zu antworten, läuft die Waschmaschine, auf dem Küchentisch liegt ein Zettel aus der Schule und irgendwo im Hinterkopf meldet sich das Gefühl: Da war heute doch noch irgendetwas Wichtiges …
Manchmal frage ich mich: Wann habe ich eigentlich beschlossen, dass ich als gute Mutter immer alles im Blick haben muss? Fördern, organisieren, zuhören, gesund kochen, Fahrdienst spielen – und dabei möglichst gelassen bleiben.
Vielleicht ist es Zeit für einen befreienden Gedanken: Meine Kinder brauchen keine perfekte Mutter. Es reicht, wenn ich gut genug bin.
Weniger machen kann mehr sein
Natürlich möchte ich meinen Kindern möglichst viel ermöglichen. Aber muss ich deshalb wirklich alles für sie erledigen?
Zimmer aufräumen, Wäsche sortieren, Müll rausbringen, Tisch decken – vieles können Kinder je nach Alter selbst übernehmen. Natürlich geht es oft schneller, wenn ich es mache. Aber dann nehme ich ihnen auch die Gelegenheit, Verantwortung zu lernen.
Deshalb versuche ich inzwischen häufiger, mich zurückzuhalten. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Vertrauen.
Wenn ich meinen Kindern etwas abnehme, helfe ich ihnen. Wenn ich ihnen etwas zutraue, stärke ich sie.
Muss jeder Nachmittag verplant sein?
Schule, Sportverein, Musikunterricht, Nachhilfe, Verabredungen – manche Kinder haben einen Terminkalender, bei dem selbst Erwachsene ins Schwitzen kommen.
Förderung ist wichtig. Aber genauso wichtig finde ich inzwischen die Frage: Wie viel unverplante Zeit bleibt eigentlich noch?
Bei uns darf es deshalb auch Nachmittage geben, an denen nichts geplant ist. Freunde treffen, draußen sein, herumtrödeln, träumen – oder sich tatsächlich einmal langweilen.
Denn nicht jede freie Minute braucht ein Programm.
„Mamaaa, mir ist langweilig!“
Früher sprang bei diesem Satz sofort mein inneres Freizeitmanagement an: Basteln? Backen? Film? Freunde anrufen?
Heute denke ich häufiger: Langeweile darf sein.
Denn erst wenn ich nicht sofort eine Lösung liefere, müssen meine Kinder selbst überlegen, was sie mit ihrer Zeit anfangen möchten.
Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, war schließlich auch nicht jeder Nachmittag durchorganisiert. Wir waren draußen, trafen Freunde, spielten und machten manchmal einfach – nichts.
Vielleicht brauchen Kinder genau solche Freiräume, um eigene Ideen zu entwickeln.
Gut genug statt makellos
Der Gedanke dahinter ist übrigens keineswegs neu. Der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott prägte das Konzept der „good enough mother“: Kinder brauchen keine makellosen Eltern, die jedes Bedürfnis sofort erkennen und jedes Problem lösen.
Was sie brauchen, ist Verlässlichkeit.
Meine Kinder sollen wissen, dass ich da bin, wenn sie mich wirklich brauchen. Aber ich muss nicht jedes Hindernis aus ihrem Weg räumen. Denn Selbstständigkeit entsteht auch dadurch, dass Kinder ausprobieren, scheitern, sich langweilen und eigene Lösungen finden dürfen.
Ich bin Mutter – aber nicht nur
Und noch etwas gehört für mich dazu: Ich muss nicht rund um die Uhr Animateurin meiner Kinder sein.
Ich darf ein Buch lesen, obwohl jemand gerade spielen möchte. Ich darf mich mit einer Freundin unterhalten, arbeiten oder einfach einmal meine Ruhe haben.
Familie bedeutet schließlich nicht, dass sich alles um die Kinder dreht. Wir leben miteinander – und jeder darf eigene Bedürfnisse haben.
Mehr Zutrauen, weniger schlechtes Gewissen
Vielleicht muss ich also gar nicht organisierter, geduldiger und perfekter werden.
Vielleicht darf ich einfach an manchen Stellen weniger machen und meinen Kindern mehr zutrauen.
Nicht jedes Zimmer muss ordentlich sein. Nicht jeder Nachmittag braucht Programm. Nicht jedes Problem verlangt nach meiner Lösung.
Und wenn beim nächsten „Mamaaa, mir ist langweilig!“ nicht sofort eine fantastische Beschäftigungsidee aus meinem Ärmel fällt?
Dann ist das vielleicht gar kein Grund für ein schlechtes Gewissen.
Ich muss keine perfekte Mutter sein. Gut genug ist manchmal sogar besser.









