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© Magazin Schule
Familienleben /30. November 2022

Noten können nie gerecht sein

„Wie war es heute in der Schule?“ Meine Tochter, die schulische Fragen grundsätzlich sehr einsilbig beantwortet, schweigt. Ihr ist nicht einmal ein „Okay“ zu entlocken. Ich bleibe hartnäckig und bohre weiter: „Jetzt sag schon, was ist denn passiert?“ Oft sind es Streitigkeiten mit ihren Freundinnen, die sie bedrücken. Doch dies Mal rückt sie mit einem anderen Grund heraus: „Wir haben heute in Mathe mündliche Noten bekommen. Und das war voll fies. Ich melde mich dauernd, aber Frau Mayer nimmt mich nie dran. Jetzt habe ich eine Drei Minus und Manuel, der immer bei mir abschreibt, eine Zwei.“ Sofort bin ich voller Mitgefühl und kurz davor, ihre Lehrerin anzurufen wegen der Ungerechtigkeit. Meine Tochter selbst bremst mich – „Bloß nicht, Mama, das ist voll peinlich!“ –, sondern auch mein Verständnis für die Mathelehrerin.

 

Ziffernnoten von 1 bis 6 gehören zur Schule wie Unterricht, Klassenfahrt und Pausenbrot. Eine Zahl zwischen 1 und 6 – verständlich, eindeutig, klar.

Aber: Noten sind nicht objektiv – und sagen auch ganz viel nicht. Sie leisten auch nicht, was sie leisten sollen. Das Kultusministerium gibt vor, dass Noten nicht nur die Leistungen der Schüler untereinander vergleichbar machen sollen, sondern dass sie auch den individuellen Fortschritt jedes Kindes abbilden sollen. Doch das ist unrealistisch und nie perfekt erreichbar. Dann müsste im Extremfall jemand, der sich sehr verbessert hat, eine Eins bekommen, obwohl sein Mitschüler, der von Anfang an konstant gute Leistungen erbringt, eine Zwei hat.

Die Note ist nur ein Durchschnittswert

Hinzu kommt: Eine Note ist immer eine Gesamtnote, sie bildet einen Mittelwert unterschiedlicher Kompetenzen ab. Eventuell kann ein Kind in Deutsch sehr gut formulieren, schreibt fantasievolle Texte – macht aber viele Rechtschreibfehler. Die Note auf dem Zeugnis: 2. Die Bandbreite und Varianz gibt die Note nicht wieder. Noten spiegeln eher kurzfristige Lerneffekte und Lernerfolge wider. Sie zeigen aber weder, welche Fortschritte eine Schülerin oder ein Schüler gemacht haben, noch, welche Kompetenzen sie haben. „Noten sind ein Versuch, Schulerfolge zu quantifizieren, das wollen Schüler und Lehrer.

Ein klarer Indikator sind sie aber nicht. Sie haben relativ wenig Informationsgehalt. Und sie sind nicht zuverlässig. Die Note „Drei“ beispielsweise sagt ja nicht, dass ein Schüler eine befriedigende Leistung erbracht hat. Sie sagt, dass er in seiner Klasse zu denen gehört, die im Mittelfeld stehen. Es könnte sein, dass er mit der gleichen Leistung an einer anderen Schule, an einem anderen Ort eine Zwei hätte. Es könnte aber auch sein, dass er an einer anderen Schule, an einem anderen Ort nur einen Vier hätte.

Ein guter Schüler hat in einem schwächeren Umfeld bessere Noten als in einem stärkeren. Das liegt daran, dass wir nicht den Lernfortschritt des einzelnen Kindes bewerten, sondern immer den Vergleich mit den anderen aus der Klasse ziehen. Wir vergleichen Sophie mit Paul und Paul mit Emma. Wir müssten aber schauen: Was kann Paul im Februar 2020, was er im September 2021 noch nicht gekonnt hat.

Es ist auch eine Illusion, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Noten gerecht und verantwortungsbewusst Leistungen widerspiegeln können. Lehrer müssen die Leistungen von Kindern und Jugendlichen in sechs enge Schubladen sortieren – und sollen dabei möglichst auch die individuellen Umstände berücksichtigen, in denen sich jeder Schüler befindet.

Keine wissenschaftlich fundierte Bewertung

Fest steht: Noten halten den Kriterien, die man für eine fundierte Bewertung zugrunde legen würde, nicht stand. Denn: Sie basieren auch auf informellen Beobachtungen, sind also nicht zureichend gültig (valide), sie sind nicht personenunabhängig (objektiv) und nicht verlässlich (reliabel). Daher vermitteln Noten allenfalls eine „Scheinsicherheit“.

Viele Faktoren beeinflussen Notenvergabe

Die Liste an möglichen Einflussfaktoren ist lang und seit gut 50 Jahren empirisch belegt. Wie sehr unterstützen einen die Eltern? Wie ist die Lernsituation zu Hause? Wie kommt man mit der Lehrerin klar? Wie stark sind die Leistungen der anderen in der Klasse? Und auch: In welchem Bundesland geht man auf welche Schule?

Stimmung der Lehrkraft
Untersuchungen zeigen, dass die exakt gleichen Arbeiten einige Wochen und Monate später vom gleichen Lehrer oder der gleichen Lehrerin teilweise anders benotet werden.

Qualität der anderen Arbeiten
Die Notengebung hängt auch davon ab, was für eine Arbeit die Lehrkraft vorher korrigiert hat. Er verteilt tendenziell bessere Zensuren, wenn er vorher einige schlechtere Arbeiten benotet hat.

Intention der Lehrkraft
Die eine Lehrerin will ihre Klasse zu härterer Arbeit anspornen – und benotet unter Umständen etwas strenger. Der Kollege dagegen vergibt nicht so gerne schlechte Noten – sondern will mit guten Zensuren motivieren.

Soziale Herkunft der Schüler
Kindern aus Akademikerfamilien wird häufig mehr zugetraut als Kindern aus Arbeiterfamilien. „Vor allem bei der Empfehlung für die weiterführende Schule wird deutlich, dass die soziale Herkunft eine wichtige Rolle bei der Benotung spielt.

Geschlecht
Tendenziell erhalten Mädchen bessere Noten als Jungen.

Keinen Einfluss hat dagegen:
Der Name des Schülers oder der Schülerin. Vor einigen Jahren hat eine Studie für Aufsehen gesorgt, die einen Zusammenhang zwischen Noten und Namen von Schülerinnen und Schülern erkannt haben wollte. Die These: Namen wie Chantal und Kevin bringen schlechtere Noten ein – wer Maximilian oder Anna heißt, schneidet bei gleicher Leistung besser ab. Inzwischen ist dieser Zusammenhang aber weitgehend widerlegt.

Wie lässt sich ohne Noten bewerten?

Solange es Kritik an Zensuren gibt, so lange suchen Pädagoginnen und Pädagogen nach Alternativen. Besonders weit gehen seit vielen Jahren reformpädagogische Schulen: Die Waldorfschulen und mehrere Modellschulen verzichten bis zur 9. Klasse vollständig auf Noten. Leistung wird an diesen Schulen unter anderem durch Präsentationen beurteilt, durch eine Sammlung von Arbeiten (sogenannte Portfolios) und durch regelmäßige Entwicklungsgespräche zwischen Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern.

Letztlich wachsen unsere Kinder in einer Wettbewerbsgesellschaft auf. Auch in Zukunft wird man sie ständig bewerten. Eine wirklich unabhängige Leistungsmessung bleibt ein „stets unerreichbares Leitziel“.

Wer viel leistet, bekommt auch viel

Nur die Leistung soll über den Zugang zu Studien- und Ausbildungsplätzen entscheiden. Das ist die eigentliche Idee des Leistungsprinzips. Dieser Gedanke stand auch hinter der Einführung von Reifezeugnissen für alle Schultypen im 19. Jahrhundert. Das Leistungsprinzip stellt aktuell die gerechteste Form der Auswahl dar: Wer viel leistet, bekommt auch viel – ein grundsätzlich fairer Gedanke.

Und trotzdem das System vielerlei Schwächen aufweist, halten die Mehrzahl der Eltern, Schüler und Lehrkräfte Noten für wichtig und notwendig.

 

FAZIT:

Ob Noten als „gut“ oder „schlecht“ wahrgenommen werden, hängt von der jeweiligen Perspektive bzw. von der individuell formulierten Zielsetzung ab. Während in der einen Familie gefeiert wird, weil die Fünf in Mathe verschwunden und dadurch die Versetzung nicht gefährdet ist, ärgert man sich in anderen Familien über eine Drei in Kunst, die das sonst ausschließlich aus Einsern und Zweiern bestehende Notenbild „verschandelt“.

Unser Tipp: Bleiben Sie im Austausch mit ihren Kindern und mit den Lehrkräften, so können Missverständnisse oder das Gefühl ungerechter Benotung viel eher ausgeräumt, aber auch eventuelle Lernschwierigkeiten frühzeitig erkannt werden. Geben Sie ihrem Kinde aber immer das Gefühl „Du bist nicht allein. Wir unterstützen dich“.

Und ganz wichtig: Elterliche Liebe darf niemals an schulische Leistungen gekoppelt werden!

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