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© Simon Rae/unsplash

Ahnenforschung – Familiengeschichten auf der Spur

Lars von Trier, der dänische Star-Regisseur, erfuhr es, als seine Mutter auf dem Sterbebett ihr Gewissen erleichterte. Die amerikanische Schauspielerin Liv Tyler war zehn Jahre alt, als man ihr die Wahrheit sagte – und sie damit ihres Namens und ihrer Identität beraubte. Sie beide sind das, was umgangssprachlich oft etwas abfällig als „Kuckuckskind“ bezeichnet wird. Der rechtliche Vater ist nicht der leibliche Vater und die Mutter ließ sowohl Kind als auch Partner glauben, sie seien blutsverwandt.

Familiengeheimnisse übten schon immer eine große Faszination aus. Sie sind ein uraltes, immer aktuelles Thema. Ohne sie wären nicht nur Hollywood mit seinen Autoren von Fernsehschmonzetten, sondern auch viele renommierte Schriftsteller verloren. Luke Skywalker und Ödipus verbindet über einige tausend Jahre hinweg, dass sie ihren genetischen Vater nicht kannten und Luke wusste zudem nichts von seiner Zwillingsschwester Leia Organa.

Sie teilen ihr Schicksal mit zig-Tausenden Menschen, die alljährlich damit zurechtkommen müssen, dass die Familiengeschichte neu kalibriert werden muss. Für alle Beteiligten oft ein Trauma.

Früher ging man von jedem zehnten Kind aus, das in Familien mit Männern aufwächst, die nicht wissen, dass sie nicht der leibliche Vater des Kindes sind. Nun wurden die Schätzungen auf etwa zwei Prozent nach unten korrigiert. Aber eine verlässliche Zahl ist aus offensichtlichen Gründen schwer zu ermitteln. Manche sind Kriegskinder aus verhinderten Liebesbeziehungen, wurden inkognito adoptiert, sind nichtehelich geboren, wurden durch eine Samen- oder gar Eizellenspende gezeugt oder sind einfach aus einer Affäre entstanden.

Wissen, woher wir kommen

Das Bedürfnis nach Informationen über die Eltern tritt in bestimmten Phasen der Entwicklung auf, beispielsweise während der Pubertät oder wenn man selbst eine Familie gründet. Die meisten Menschen finden es selbstverständlich über die Familiengeschichte informiert zu sein. Es gibt Menschen, die nie um ihre wahre Herkunft wissen und viele, die die Wahrheit um ihre Biographie verhältnismäßig leicht annehmen. Andere aber treibt die Frage nach den genetischen Eltern ein Leben lang um. Wie damit umgegangen wird, ist individuell verschieden.

Mehr als die Hälfte der jüngeren Generation würden sich gerne mit ihren Urgroßeltern unterhalten und mehr über ihre Familiengeschichte erfahren. Familienforschung ist längst kein Nischenthema mehr, vielmehr scheint das Interesse für die eigene Herkunft in der breiten Bevölkerung angekommen zu sein.

„Wer bin ich?“ und „Wo komme ich her“? Nicht wenige Menschen begeben sich daher irgendwann auf die Suche nach ihren „Wurzeln“, um mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Wer bin ich, woher habe ich diese Nase oder dieses extreme Interesse an Pferden?

Die Reise zu uns selbst

Wer seine Vergangenheit und seine Wurzeln kennt, wird sich sehr schnell darüber im Klaren, warum er ist, wie er ist und wieso er gewisse Eigenheiten, Charakterzüge oder Glaubensmuster hat. Und genau dieses Wissen ist wesentlich für unseren gesamten Lebensweg. Denn wer nicht weiß, woher er kommt, tut sich schwer damit zu erkennen, wohin er will.

Wenn wir uns die Vergangenheit anschauen, uns über unsere Wurzeln bewusst sind und deren Auswirkungen in der Gegenwart, kann uns das vor wiederkehrenden Problemen und Selbstzweifeln befreien. Studien belegen außerdem, dass Menschen, die ihren Ursprung kennen und verstehen, selbstbewusster und lebensfroher sind.

Nicht zuletzt ist das Wissen um die leibliche Familie auch in Hinsicht auf mögliche Erbkrankheiten wichtig.

Die Macht der Familie über unser Leben

Wenn ein Mensch erst im Erwachsenenalter erfährt, das sein sozialer Vater nicht sein leiblicher Vater ist, bricht ein großer Teil seiner Identität zusammen. Manche Betroffene stürzt das in eine Krise, aus der sie nur mit psychotherapeutischer Hilfe wieder herausfinden können. Auch wenn eine ohne Erfolg verläuft, kann dies problematisch werden. Denn wer seine genetischen Eltern nicht kennt, hat oft den Eindruck, sich selbst etwa fremd zu sein. Es klafft eine diffuse Lücke, welche sich anfühlt, als fehle ein Stück von einem selbst. Das Wissen um die eigene Herkunft ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.

Denn Einstellungen, Emotionen und Erfahrungen werden in einer Familie oft über Generationen hinweg weitergegeben.

Jeder Mensch hat das Recht zu erfahren, von wem er abstammt

Um dieser Problematik Rechnung zu tragen, hat das Bundesverfassungsgericht das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung in einem Urteil festgelegt. Dieses Urteil besagt im Zusammenhang mit dem Grundgesetz, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2, Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. GG) auch das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung umfasst.

Die Entscheidung dafür, seine biologische Identität aufzuklären und seinen Vater, die Mutter oder das vermisste Geschwisterteil zu suchen kann weitreichende Auswirkungen haben und einen Wendepunkt im Leben bedeuten.

Einen Blick in den Rückspiegel wagen

Es gibt nichts, was es nicht gibt. Standesämter, Kirchenarchive und das Internet sind wahre Fundgruben für Ahnenforscher. Aber manchmal kommt man nicht weiter. Wenn es schwierig wird, helfen auch private Suchdienste wie beispielsweise die Herkunftsberaterin Susanne Panter bei der Aufklärung der biologischen Abstammung.
Die Liederbacherin ist ausgebildete Mediatorin und hat 20 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet der Herkunftssuchen. Sie beschreibt uns die Arbeitsweise der Herkunftsberatung wie folgt:

Ein Auftrag besteht immer aus mehreren Phasen. In der ersten Phase werden die Sachverhalte geschildert, die der Suche zu Grunde liegen. Wie sind die Zusammenhänge, wer spielt neben der suchenden und der gesuchten Person noch eine Rolle? Was gilt es noch zu berücksichtigen? Wir sprechen von dem „Familiensystem“ zu dem viele Personen gehören, nicht nur der Klient und die gesuchte Person. Man kann sich so ein System vorstellen wie ein Mobile. Wenn man eine Figur in dem Mobile berührt, bewegen sich alle anderen Figuren mit. Die erste Phase besteht also darin, das System zu erfassen, mit dem wir es bei diesem Auftrag zu tun haben.

Die zweite Phase verläuft in zwei Strängen. Zum einen ist da die Suche nach der gesuchten Person. Dabei werden Institutionen und Archive angeschrieben, im Internet recherchiert. Bei Suchen nach nichtehelichen Vätern oder nach ehemaligen Freunden sind oftmals nur wenige Daten bekannt und diese zum Teil auch noch ungenau. Die Konzentration liegt dann zunächst darauf, die vollständigen bzw. korrekten Daten zu ermitteln. Der zweite Strang ist die Suche nach erhellenden Zusammenhängen und Dokumenten. Dies kann helfen Hintergründe und Motivationen der damaligen Akteure auszuleuchten.

Die dritte Phase ist die Kontaktanbahnung. Wenn die aktuelle Adresse der gesuchten Person ermittelt wurde, kann es sein, dass zunächst einige Hintergrundrecherchen erforderlich sind, bevor der Klient bereit für die erste Kontaktaufnahme ist.

Lebt beispielsweise die leibliche Mutter, die einen vor 40 Jahren zur Adoption freigab, mit einer Familie zusammen, der sie vielleicht nichts von der eigenen Existenz erzählt hat? Oft ist die Tatsache, dass man als Jugendliche nichtehelich schwanger geworden ist und das Kind zur Adoption freigegeben werden musste, ein gut gehütetes Geheimnis. An dem Punkt des Prozesses ist die meiste Beratung erforderlich.

Bei der Kontaktaufnahme muss die nötige Diskretion gegenüber anderen Familienmitgliedern der gesuchten Person gewahrt bleiben. Keiner möchte dafür verantwortlich sein, wenn plötzlich ein lange und wohl gehütetes Geheimnis ungewollt gelüftet wird.

Der erste Brief führt im besten Falle dazu, dass sich gemeldet wird und dem Kontakt zugestimmt wird. Manchmal müssen aber auch erst Fragen beantwortet und Zweifel beseitigt werden. Einige brauchen Beweise, Andere einfach Zeit. um zu verarbeiten, dass sich der Klient meldet. So eine Kontaktanbahnung kann sich schon mal über Monate manchmal sogar über Jahre hinziehen. Beide Seiten müssen „bereit“ sein.

 

Fazit: Niemand kann sich dem Einfluss seiner Herkunft entziehen. Sie wird gewissermaßen zu einem Teil der Persönlichkeit und prägt unsere Beziehung zu Freunden, Partnern und später den eigenen Kindern.

Das Wissen um das Schicksal der Familienangehörigen das Verstehen der Familiengeschichte hilft dabei, die eigenen Herausforderungen zu meistern und festigt den familiären Zusammenhalt. Alte Wunden aus der Kindheit können heilen – egal wie alt wir sind. Die Leichtigkeit, unser innerer Frieden und unsere Orientierung fängt oft mit dem Blick zurück an. Knoten können sich lösen und Antworten auf jahrelang drängende Fragen endlich gefunden werden.