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© Matthias Lindner/iStock.com
Familienleben /30. September 2023

Wenn Kinder flügge werden – Tipps zum Loslassen

Nackt, blind und taub. So werden Mäuse geboren. Zwei Wochen nach ihrer Geburt öffnen sie ihre Augen, und werden drei Wochen lang gesäugt. Bald können sie „Piep“ sagen, ohne jemals eine Schule besucht zu haben. Kindheit und Pubertät sind innerhalb von weiteren zwei Wochen abgeschlossen. Mit sechs Wochen sind sie geschlechtsreif, und dann verlassen sie das Nest.

Im Vergleich dazu ist der Prozess beim Menschen viel aufwändiger und zeitaufwendiger. Zwar öffnen Babys schon bald nach der Geburt ihre Augen, aber es dauert ein bis zwei Jahre, bis sie auf zwei Beinen laufen können. Weitere Monate und Jahre vergehen, bis sie Worte wie „Dada“ und später komplexere Ausdrücke beherrschen. Je nach schulischen Erfolgen und persönlicher Entwicklung verbringen die Jugendlichen zwischen 17 und 27 Jahren in ihrem elterlichen Nest, liebevoll versorgt von ihren fürsorglichen Eltern, die ihr Bestes geben, um sicherzustellen, dass ihre Nachkommen eines Tages in der Lage sind, eigenständig zu leben.

Kulturelle Unterschiede

In südeuropäischen Familien scheint das Leben als Sohn oder Tochter deutlich angenehmer zu sein als in den nördlichen oder westlichen Teilen des Kontinents. Liegt es an der köstlichen Küche? Vielleicht sind es die Sonne, das Meer und die lockende Gemütlichkeit? Oder bietet das elterliche „Hotel Mama“ im Süden einen noch besseren Rundum-Service? Schließlich sind Umzüge ohnehin stressig, und das mütterliche All-inclusive-Resort hat zweifellos seinen eigenen Reiz!

Warum also bleiben Süd- und Osteuropäer länger im elterlichen zuhause? Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen Nord- und Südeuropa, sowohl in kultureller Hinsicht in Bezug auf die familiäre Bindung als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die ungünstigeren wirtschaftlichen Bedingungen, die höhere Arbeitslosenquote und eine stärkere familiäre Bindung spielen hierbei eine Rolle.

In unseren nördlichen Gefilden ist es zum Erwachsenwerden enorm wichtig, sich von zuhause loszulösen, um als junge Menschen in den eigenen vier Wänden Wohlstand aufzubauen.

Und wir Eltern? Wir setzen einerseits alles daran, unsere Kinder aufzuziehen, damit sie erwachsen und eigenständig werden. Andererseits trifft es uns tief, wenn sie schließlich ausziehen. Psychologen bezeichnen dieses Gefühl oft als das „Empty Nest Syndrom„.

Die Gefühlslage ist meist zwiespältig

Obwohl Eltern eigentlich erleichtert sein sollten, wenn ihre Kinder soweit sind und ausziehen, um ihre eigenen Wege zu gehen – was bedeutet, dass sie nicht mehr täglich für warme Mahlzeiten sorgen oder hinter dem Nachwuchs aufräumen müssen –, erleben viele dennoch eine Krise, wenn das Haus plötzlich leer ist. Das Kinderzimmer, das gerade noch den Mittelpunkt unseres Lebens bildete, war der Ort, an dem unser Baby seine ersten Schritte machte, der Ort, an dem der Grundschüler seinen Schwarm aus der Klasse zur Geburtstagsfeier einlud und Teenager Poster seiner Musikidole stolz an die Wand hängte. Hier, in diesem Raum, spielte sich das Leben zwischen Schule, Freizeit und Familie ab.

Wo zuvor Leben und Lebendigkeit herrschten, klafft jetzt erst einmal eine Leere, die jene, die zurückbleiben, herausfordert.

Viele junge Menschen ziehen für ihre Berufsausbildung oder ihr Studium in eine andere Stadt und verlassen damit ihr Kinderzimmer. Dies markiert nicht nur für sie selbst den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, sondern auch ihre Eltern werden von einem Tag auf den anderen mit einer neuen Realität konfrontiert. In dieser Situation erleben Eltern oft ambivalente Gefühle. Typischerweise sind die Emotionen von Traurigkeit, Angst und dem Gefühl des Verlusts geprägt. Während einige Eltern sich auf den Moment freuen, wenn sie das Haus wieder ganz für sich alleine haben und das freigewordene Kinderzimmer direkt in ein Heimkino umzuwandeln, haben andere Schwierigkeiten, mit der plötzlichen Leere umzugehen. Gleichzeitig empfinden einige Eltern auch Freude darüber, dass ihr Nachwuchs nun den Weg in ein eigenständiges Leben einschlägt.

Warum können wir manchmal so wenig loslassen?

Wir sind sich von Anfang an bewusst, dass unsere Kinder eines Tages erwachsen sein werden und ihr eigenes Leben führen. Mit dem Auszug der Kinder verschwindet plötzlich die zentrale Aufgabe und gemeinsame Verantwortung, die für viele Eltern im Leben von höchster Bedeutung war. Das Aufziehen von Kindern stellt zweifellos eine der größten Herausforderungen im Leben eines Menschen dar. In dieser Phase geht oft unbemerkt eine beträchtliche Menge an „Paarzeit“ verloren. In der Regel haben Eltern einen erheblichen Teil ihrer Energie in die Versorgung ihrer Kinder gesteckt und ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Plötzlich haben sie mehr Zeit zur Verfügung, sowohl für sich selbst als auch für ihre Beziehung zueinander. Die Gespräche, die zuvor oft ausschließlich um das Kind kreisten, verändern sich. Diese Situation kann die Partnerschaft auf die Probe stellen, bietet jedoch auch Chancen. Es wird möglich, gemeinsame Hobbys wiederzuentdecken, neue Interessen und Ziele zu entwickeln und sich als Paar auf eine neue Art und Weise zu definieren.

Häufig treten zeitgleich mit dem Auszug des Kindes auch andere bedeutsame Veränderungen im Leben auf, wie beispielsweise der Eintritt in die Wechseljahre oder der Beginn des Ruhestands. Wenn mehrere wichtige Lebensereignisse gleichzeitig eintreten, kann dies unsere natürliche Anpassungsfähigkeit überfordern. Dies kann zu Stress führen und langfristig sogar gesundheitliche Probleme verursachen.

Ende eines Lebensabschnitts:

  • Loslassen beim Kindergarten- und Schulbeginn
  • Abschluss der eigenen Ausbildung und Auszug
  • Erkenntnis über die Vergänglichkeit des Lebens
  • Ein neuer Abschnitt bringt oft glückliche Erlebnisse

Veränderung:

  • Aufgeben alter Gewohnheiten und Akzeptieren neuer
  • Abschied von lieb gewonnenen Ritualen
  • Anstrengender als Stillstand
  • Mitglied des Haushalts fehlt
  • Veränderung im vertrauten Rückzugsort

Verlassen werden:

  • Kinder gehen ihren eigenen Weg
  • Fühlt sich an wie verlassen werden
  • Eltern bleiben zurück

Sorge:

  • Gedanken über das Wohlergehen des Kindes
  • Verantwortung für das eigene Leben übernehmen
  • Hoffen, ausreichend vorbereitet zu haben
  • Eltern sind nicht aus der Welt

Wegfall eines Lebensinhalts:

  • Kinder werden unabhängiger
  • Präsenz im Leben der Eltern
  • Freiwerdender Raum fühlt sich wie Leere an

Zusätzliche Belastung bei Menopause:

  • Zeitpunkt des Kinder-Auszugs oft in Menopause
  • Doppelte Belastung durch Wechseljahre und Kinder-Auszug
  • Mehr als hormonelle Umstellung zu bewältigen

Wenn Eltern aber erkennen, dass der Auszug ihrer Kinder auch neue Chancen mit sich bringt, kann dies von positiven Emotionen begleitet sein. Einige empfinden Erleichterung darüber, dass sie von vielen täglichen Verpflichtungen, die mit der Elternrolle einhergehen, entlastet werden.

Eine Anleitung zum Loslassen

Wie in vielen Lebenssituationen kann es von Vorteil sein, sich auf kommende Ereignisse vorzubereiten. Dies trifft auch auf den Auszug der Kinder zu.

Tatsächlich drehen sich die oft empfohlenen Strategien darum, die entstandene Lücke im Leben zu füllen:

  • Mentale Vorbereitung auf den Auszug der Kinder, um ein tiefes Loch zu vermeiden
  • Nutzen Sie in Absprache mit dem ausziehenden Kind das leergewordene Zimmer. Gestalten Sie den Raum komplett neu – als Arbeitszimmer, Nähzimmer, Malatelier. Oder als Gästezimmer, in welchem auch das ausziehende Kind noch übernachten könnte.
  • Reden Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin bzw. Freunden über Ihre Gefühle. Dieser Austausch kann Ihnen sehr helfen.
  • Definieren Sie neue Rollen. Das Kind bleibt zwar immer noch Ihr Kind, die Rahmenbedingungen werden aber komplett neu gesteckt.
  • Flexibilität: Die Veränderungen als Chance für persönliches Wachstum und eine neue Phase im Leben sehen.
  • Berufliche Weiterentwicklung: Neue berufliche Herausforderungen annehmen oder Weiterbildungen in Erwägung ziehen.
  • Neue Hobbys und Interessen: Die freie Zeit nutzen, um neue Interessen und Hobbys zu entdecken und zu verfolgen.
  • Selbstfürsorge: Sich selbst verwöhnen und auf die eigene Gesundheit und Wohlbefinden achten, beispielsweise durch regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung.
  • Soziale Kontakte pflegen: Freundschaften auffrischen und neue Bekanntschaften schließen, um das soziale Netzwerk zu stärken.
  • Ehrenamtliche Tätigkeiten: Sich ehrenamtlich engagieren, um einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und das Selbstwertgefühl zu steigern.
  • Nutzen Sie die Gelegenheit, mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin neue Dinge zu erleben. Reisen, Auswärts essen gehen, ein Besuch in einem Museum, wieder einmal ins Theater oder Kino zu gehen. Definieren Sie die Beziehung mit dem Partner oder der Partnerin neu.
  • Ziele setzen: Neue Ziele und Träume definieren, die unabhängig von der Rolle als Eltern sind.
  • Versuchen Sie, mit dem Kind eine neue Art der Beziehung aufzubauen. Eine Beziehung auf Augenhöhe. Aus der Tochter kann so eine gute Freundin werden und aus dem Sohn ein guter Gesprächspartner, auf den Verlass ist. Regelmäßige Rituale wie tägliche Telefonate oder Chats sind wertvoll und fördern das Wohlbefinden beider Seiten.
  • Zeigen Sie Ihrem Kind, wie stolz Sie sind, dass es so selbständig und mit so viel Enthusiasmus neue Wege gehen will, auch wenn Ihnen vielleicht noch nicht so danach ist. Haben Sie Vertrauen zu Ihrem Kind.

Es ist völlig normal, in den ersten Tagen oder Wochen nach dem Auszug der Kinder eine gewisse Leere im Haus oder der Wohnung zu spüren. Wenn jedoch dieses Gefühl stark auf die Psyche drückt, sich zum anhaltenden seelischen Zustand entwickelt und dich daran hindert, dein eigenes Leben zu führen, ist es ratsam, aktiv etwas dagegen zu unternehmen.

Mut für den neuen Lebensabschnitt

Biografische Übergänge sind große Herausforderungen für einen Menschen. Der Auszug der Kinder markiert das Ende eines bedeutenden Lebensabschnitts und eröffnet gleichzeitig die Tür zu einem neuen Abenteuer. Eltern sollten diese neue Freiheit als Chance begreifen, endlich wieder ihre eigenen Bedürfnisse in den Fokus zu rücken. Dies erfordert Mut, aber schließlich sind die Kinder nicht aus der Welt verschwunden, sondern haben lediglich das Nest verlassen. Umso schöner sind die Momente, in denen die Familie wieder zusammenkommt.

Seien sie einfach stolz auf alles, was Sie als Mutter oder Vater geleistet haben und üben Sie sich darin, von der aktiven zur passiven Elternschaft zu finden.

 

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