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20 Jahre gescheiterte Bildungspolitik!

Den Satz „Das habe ich in der Schule gelesen“ hat der eine oder andere von uns Eltern sicher schon häufiger mit einem Unterton von Verachtung und grundlegender Genervtheit ausgesprochen.

Auf meine Frage, wie das Thema Literatur denn in ihrem Deutschunterricht behandelt wird, erzählt meine Tochter: Wir lesen gemeinsam Kapitel aus dem Buch, weil einige meiner Mitschüler das nicht gut allein können. Dann wird eine Zusammenfassung an die Tafel geschrieben, die wir abschreiben müssen. Und wenn wir von allen Kapiteln die abgeschriebenen Zusammenfassungen haben, schreiben wir eine Zusammenfassung vom Buch.

In welcher Form kann die Vermittlung von Literatur noch weniger anspruchsvoll sein?

Die Bekanntgabe des aktuellen Bildungstrends der Sekundarstufe I durch das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) am 13. Oktober 2023, insbesondere im Hinblick auf die sprachlichen Fächer, geriet aufgrund der Nachrichten über den Überfall der palästinensischen Hamas auf Israel weitgehend in den Hintergrund der medialen Berichterstattung. Das gemeinsam von den Bundesländern unterstützte IQB hat kürzlich den Leistungsstand von Schülerinnen und Schülern der 9. Klasse evaluiert. Die Ergebnisse zeigen, dass etwa 30 Prozent der Jugendlichen, die den mittleren Bildungsabschluss anstreben, die Mindeststandards im Fach Deutsch nicht erreichen.

Deutschunterricht in der Krise

Durchschnittsnote Vier minus. Nach den flächendeckenden Schulschließungen während der Pandemie wurde mit Leistungseinbrüchen gerechnet, aber die Ausmaße haben selbst Bildungsforscher überrascht. Der dramatische Abwärtstrend seit 2009 setzt sich fort, unabhängig von der Gruppe der Einwanderungs- bzw. Flüchtlingskinder.

Und wer Schwierigkeiten im Textverständnis, der Orthographie und beim Zuhören hat, verfügt in den meisten Fällen auch über unzureichende Grundlagen für andere Schulfächer.

Diametral unterschiedliches Abschneiden in Deutsch und Englisch

Im Fach Englisch hingegen haben sich die positiven Entwicklungen in diesem Zeitraum stabilisiert oder sogar weiter verbessert, insbesondere bei den ohnehin leistungsstärkeren Schülern. Die regelmäßige Betrachtung englischsprachiger Filme, Serien und die Nutzung von Social Media erfordern vertiefte Kompetenzen in der englischen Sprache und fördern intrinsische Lernprozesse. Englisch wird als „cool“ wahrgenommen, da das Fach direkte Anwendung findet und verbesserte Kompetenzen unmittelbar während der medialen Nutzung belohnt werden. Von den Neuntklässlern erreichen 47 Prozent im Englischlesen den Höchststandard.

Hier gibt es all das, was im Deutschunterricht oft fehlt: Motivation, die Verbindung des Unterrichtsstoffs zur Lebenswelt der Schüler und die Freude, sich durch Englischkenntnisse neue Inhalte anzueignen.

Allerdings bleibt die Größe der Risikoschülergruppe unverändert.

Warum gelingt es im Deutschunterricht nicht, die Schüler zum Lesen zu motivieren?

Im Literaturunterricht sind teilweise desaströse Zustände zu beobachten. Statt motivierender Projekte, alltagsrelevanter Themen, digitaler Medien und Förderung von Eigenständigkeit werden im Deutschunterricht schon seit längerer Zeit kaum noch Ganztexte behandelt. Die Schülerinnen und Schüler werden stattdessen mit Auszügen aus literarischen Werken konfrontiert, die nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Individuelle Leseempfehlungen sind Mangelware, was die Leselust nicht gerade fördert. Traditionelle Lehr- und Organisationsmethoden wie Frontalunterricht, stilles Arbeiten und Einzelarbeit dominieren weiterhin. Faszinierende Streaming Serien zu Schiller oder Kafka sucht man auf Plattformen wie Netflix vergeblich, und auch TikTok wird sich wohl kaum als Plattform für die trendige Thematisierung von Rechtschreibregeln etablieren. Manche Klassiker werden von Heranwachsenden nicht verstanden, und sich durch das Nibelungenlied und Walther von der Vogelweide zu quälen, erweist sich als ebenso wenig freudvoll wie das Lernen von Vokabeln.

Die bisherigen Förder- und Aufholprogramme scheinen keine signifikanten Verbesserungen gebracht zu haben. Hessen zählt mit zu den Bundesländern, die im Fach Deutsch erhebliche Leistungseinbußen beim Lesen verzeichnen. Die Ergebnisse bestätigen einen anhaltenden und viel diskutierten Trend: Die Leistungen in Kernfächern nehmen kontinuierlich ab. Im vergangenen Jahr zeigten sich bereits schlechte Testergebnisse bei Viertklässlern in den Fächern Mathe und Deutsch. Nun wird bei den Neuntklässlern deutlich, dass sie zunehmend Schwierigkeiten mit Textverständnis und schriftlicher Ausdrucksfähigkeit haben.

Herkunft maßgeblich für den Lernerfolg

Als zusätzliche potenzielle Ursache für die Ergebnisse weisen die Forscher auf den weiter gestiegenen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund hin. Die Abhängigkeit der Kompetenzentwicklung von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe I im IQB-Bildungstrend 2022 zeigt sich so ausgeprägt wie nie zuvor. Es ist bekannt, dass die Herkunft einen signifikanten Einfluss auf den Lernerfolg hat, und trotz zahlreicher Unterstützungssysteme haben wir nach wie vor keine adäquaten Lösungen für die sozialen Disparitäten gefunden. In Schulen in sozialen Brennpunktgebieten erreicht die Hälfte der Schülerinnen und Schüler nicht die Mindeststandards in verschiedenen Kompetenzen wie beispielsweise Lesen und Schreiben.

In der gegenwärtigen Ressourcenknappheit ist es entscheidend, sorgfältig abzuwägen, an welchen Stellen der Bedarf am größten ist, um gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Ein sinnvoller Ansatz hierfür wäre die Einführung eines Sozialindexes, wie er bereits in einigen Bundesländern existiert. Allerdings bedarf es zur Beurteilung der Effektivität der Mittelverwendung an den jeweiligen Schulen Kenntnisse darüber, welche Lernergebnisse die Kinder und Jugendlichen erzielen und welche Unterrichtskonzepte für die verschiedenen Schülergruppen am effektivsten sind. Aktuell verfügen wir jedoch über nur begrenzte Informationen zu individuellen Lernverläufen, da gängige Prüfungsformate wie Klausuren und Facharbeiten nur begrenzte Einblicke in die individuelle Entwicklung der Schüler ermöglichen und die Kompetenzstände nicht objektiv abbilden.

Vorbilder außerhalb Deutschlands

In anderen Ländern wie Alberta in Kanada, das zu den weltweit leistungsstärksten Schulsystemen zählt, werden mehrmals im Jahr zentral organisierte Kompetenztests in Fächern wie Sprache, Mathe und Naturwissenschaften durchgeführt. Die kontinuierliche Überprüfung der Ergebnisse in Alberta hat zu einem sich stetig weiterentwickelnden Schulsystem auf allen Ebenen geführt. Ein weiteres Beispiel ist die Niederlande, die sich bei der Leseförderung das Ziel gesetzt hat, eine individuelle Lesebiographie jedes Schülers zu erstellen.

Lehrermangel hat gerade erst begonnen

Aber allein nach mehr finanziellen Mitteln für das Bildungssystem zu rufen, greift zu kurz. Denn momentan mangelt es an der entscheidenden Ressource: qualifizierten Fachkräften im Kindergarten, in der Schule und im Ganztag, um Kinder und Jugendliche individuell bestmöglich zu fördern. Im Jahr 2035 wird es voraussichtlich an rund 80.000 Lehrern mangeln, wobei die Lücke besonders in den zukunftsweisenden MINT-Fächern besonders groß ist. Diese Lehrkräftelücke ist stark mit der falschen Einschätzung der Schülerzahlenentwicklung verbunden, wodurch nicht ausreichend Lehrer ausgebildet wurden. Im vergangenen Jahr wurden so viele Kinder eingeschult wie seit 17 Jahren nicht mehr.

Die derzeit wichtigste und unverzichtbare Maßnahme gegen den Lehrermangel ist die Einstellung von Seiteneinsteigern, also Personen ohne grundständiges Lehramtsstudium. Ihr Anteil nimmt zu, insbesondere an Brennpunktschulen. Insgesamt ist dies besorgniserregend, weil hierbei die unzureichende pädagogisch-didaktische Qualifizierung der Neulinge Sorgen bereitet.

Mögliche Lösungsansätze könnten beispielsweise digitaler Unterricht, der Einsatz von Masterstudenten, die Gewinnung ausländischer Fachkräfte oder die Einstellung von Ein-Fach-Lehrern sein.

 

FAZIT

Das mangelnde Interesse am Fach Deutsch steht im deutlichen Kontrast zur essenziellen Bedeutung dieses Fachs als grundlegendes Handwerkszeug für alle Lernprozesse. Ist es nicht unerheblich, ob Kinder Werke von Goethe, Schiller und Lessing gelesen haben oder nicht? Entscheidend ist doch eher, ob sie das Rüstzeug erhalten haben, um diese für sich zu entdecken.

Es ist dringend erforderlich, die Schulen gezielter zu unterstützen und die Bildungsangebote besser zu verzahnen. Es besteht ein Mangel an Unterrichtsforschung, da viele Länder sich dagegen wehren, ihre Klassenzimmer zu öffnen. Eine effektive Förderung der Schülerinnen und Schüler hängt davon ab, dass ihre Lernstände regelmäßig durch geeignete Testverfahren ermittelt werden.

Die Entwicklung der Kinder sollte stets als gemeinsame Aufgabe verstanden werden.

Dieser Weg führt auch zurück zur Literatur! School matters!