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© monkeybusinessimages/istock.com
Familienleben /27. Januar 2021

Sozialkontakte sind lebensrelevant für Kinder und Jugendliche

Aufwachsen im Familienrudel

Wenn Mama zu viel meckerte, konnte ich mich in meiner großen Familie immer mal beim Bruder beklagen. Wenn ich was ausgefressen hatte und Papa wütend wurde, verschanzte ich mich hinter der großen Schwester. Wir waren halt mehr als einer, den meine Eltern zu erziehen hatten und so entfiel auf einen nicht so viel pädagogischer Eifer. Das bekam damals allen von uns meist recht gut.

Rückblickend scheint es mir manchmal, dass es eine gewisse Mannschaftsstärke hilft, um auf Kurs zu bleiben. Keiner ist allein, jeder steht mitten im Leben und darf an allem Anteil nehmen. Beziehungen können nirgendwo sonst so facettenreich und intensiv ausgelebt werden wie innerhalb einer Familie. Dabei wird vertikal und horizontal zwischen den Generationen gelernt.

 

Soziale Kontakte wichtig für psychosoziale Reifung

Kinder interessieren sich ab etwa drei Jahren für Gleichaltrige, bilden Freundschaften und spielen, streiten und lernen zusammen. Daran ändert auch die Corona-Pandemie nichts. Doch Kinder leiden in besonderer Weise unter den Kontaktbeschränkungen.

Freundschaften sind etwas Besonderes. Alle wissen das. Freunde machen das Leben schöner und verlängern es auch. Sie sind oft der letzte Rettungsring in Zeiten, in denen auf nichts Verlass ist. Und sie können gleichzeitig zermürbend, frustrierend und flüchtig sein. Und wir wissen auch, Einsamkeit befeuert Krankheiten wie Depression, Diabetes, Bluthochdruck usw.

Kinder und Jugendliche brauchen für ihre psychosoziale Reifung permanent soziale Kontakte. Angefangen von einem stabilen, sozialen Umfeld wie das Elternhaus, den Großeltern, Verwandten, befreundeten Familien hin zu altersgleichen Freunden im Kindergarten, der Schule oder in Vereinen. Jede für das Alter passende Lebenswelt ist für die Entwicklung wichtig. Für die Hirnreifung sind Worte, Tonfall, Lautstärke, Gestik und Mimik und die emotionale Atmosphäre das Elixier, wenn es am direkten Gegenüber oder in der Gruppe erlebt wird.

 

Je kleiner die Kinder desto wichtiger die Kontakte

Gerade kleine Kinder brauchen sehr viel Struktur, Gleichbleibendes, Anleitung und damit Sicherheit, um sich gut entfalten zu können. Vieles davon fällt jetzt gerade aus. Die Eltern sind möglicherweise beruflich stark belastet. Das soziale Umfeld fehlt gerade, denn mit der Kontaktsperre und den Schutzempfehlungen erübrigten sich auch Besuche bei engen Bezugspersonen wie den Großeltern.

Je kleiner die Familie, desto dringender wird es, für die fehlenden sozialen Kontakte einen Ersatz zu schaffen. Kinder, die keine Geschwister haben, brauchen umso mehr die Krabbelgruppe oder Kindergarten, den Spielplatz, brauchen Freunde und Spielgefährten. Denn im Umgang mit ihnen, üben sie soziale Fertigkeiten unter Gleichen, was mindestens genauso wichtig ist, wie die Erziehung durch die Eltern, Familie oder andere Erwachsene.

 

Warum sind Kinderfreundschaften wichtig?

Für die Entwicklung von sozialen und kognitiven Fähigkeiten bilden Kinderfreundschaften die entscheidenden Rahmenbedingungen. Im Austausch mit Gleichaltrigen (Peers) werden diese besonders stark gefördert. Für die spätere positive Beziehungsgestaltungen sind sie enorm wichtig. Im Spiel mit Gleichaltrigen lernen Kinder, Kompromisse zu schließen, mit komplexen Situationen und Gefühlen umzugehen sowie Probleme eigenständig zu lösen. Fehlen diese Auseinandersetzungen mit Peers müssen diese Kenntnisse im Erwachsenenalter erst mühsam erlernt werden. Im Vergleichen mit den Anderen wird die Entwicklung des Selbstbildes und das Selbstwertgefühl gestärkt.

 

Welchen Einfluss können die Kontaktbeschränkungen haben?

Manche Familien sind gut aufgestellt. Die Eltern haben einen sicheren Arbeitsplatz, unterstützen sich gegenseitig und haben vielleicht eine große Wohnung oder einen Garten. Dann können Kontaktbeschränkungen eine Chance sein, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen und als Familie zu wachsen.

Manche Familien leben in einer anderen Realität…Sie wohnen eher in beengten Verhältnissen, haben existenzielle Sorgen und werden von der derzeitigen Pandemie härter getroffen. Neben allen Problemen müssen die Eltern oder ein Elternteil (alleinerziehend) zeitgleich den Alltag bewältigen, das Kind beschäftigen und nebenbei arbeiten. Für diese Kinder ist die gegenwärtige Situation eher eine unsichere, unruhige und dadurch möglicherweise auch belastende Zeit.

Solche schwierigen oder auch traumatischen Erfahrungen können bei Kindern in der Entwicklungszeit das Gehirns massiv negativ beeinflussen. Die Folge davon kann sein, dass diese Kinder sehr stressanfällig sind oder mit ihren Emotionen nicht umgehen können.

 

Soziale Kontakte ermöglichen

Experten warnen davor, Kinder aus Angst vor Ansteckung zu isolieren. Covid-19 stellt uns als Gesellschaft vor Herausforderungen. Kinder brauchen bessere Bedingungen.

Sie brauchen den Kindergarten
Die Kita ist ein Ersatz für verloren gegangene soziale Kontakte. Spätestens ab der Krabbelgruppe braucht ein Dreijähriger Kontakte, in denen es sich auch ohne mütterlichen Schutz bewähren kann. Es braucht so viel Futter für seine Neugier und Unternehmungslust, dass manche Eltern dabei überfordert wären. Die Ideen der dafür ausgebildeten Erzieherinnen in guten Kindergärten sind da oft unerschöpflich.

Auch Mütter brauchen den Kindergarten
Über als die Hälfte aller Mütter mit kleinen Kindern sind berufstätig. Die einen, weil sie es wollen, ihren Beruf lieben und sie sich unglücklich fühlen, wenn sie den ganzen Tag allein mit Haushalt und Kind verbringen sollen.

Andere sind berufstätig, weil sie es müssen. Sie sind eventuell alleinerziehend und müssen für ihr Kind allein sorgen oder der Partner ist arbeitslos bzw. ein Einkommen reicht nicht aus für die Familie.

Auf jeden Fall ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen soziale Kontakte zu ermöglichen. Wo immer es geht, sollte unter Wahrung der Vorgaben rund um körperliche Distanz und Mund-Nasen-Schutz, ein direkter Gesprächs- und Sichtaustausch stattfinden. Auf dem Land mit eigenem Garten fällt das sicher einfacher als in Ballungszentren.

Eltern sind kein Ersatz für Spielgefährten

Weil kein altersgerechter Spielpartner da ist, fühlen sich viele Eltern verpflichtet, diesen zu ersetzen. Vollwertig ist dieser Ersatz keinesfalls. Auch wenn es durchaus sinnvoll sein kann, wenn Erwachsenen  über ihre Kindern wieder das Spielen lernen, sich beim Memory besiegen lassen, sich animieren lassen herumzutollen und zu rennen, Hütchen zu fangen oder ähnliches. Die Gefahr ist groß, dass sie beim Bespielen ihrer Kinder die Regie übernehmen, allerlei Erwachsenenmotive in das Spiel hineintragen, alles besser wissen und die Phantasie der Kinder dabei flügellahm wird. Erwachsene, die mit Kindern spielen, sollten mitmachen und nicht führen. Überlassen sie den Kindern die Regie.

Rechtzeitig reagieren

In jeder Altersstufe können Kinder und Jugendliche eine Depression entwickeln. Selbst Kleinkinder im Alter von null bis drei Jahren können bereits Symptome zeigen. Hinweise darauf können unterschiedlich aussehen und reichen altersabhängig von zunehmendem Weinen, Teilnahmslosigkeit, Aggression, Schlaf- und Essstörungen, Stimmungsschwankungen oder Konzentrationsschwächen, unangemessenen Schuldgefühlen oder Selbstkritik bis hin zu Suizidgedanken. Hier sind Eltern gefordert, die veränderte Stimmung ihrer Kinder ernst zu nehmen, die Signale zu erkennen, mit ihnen darüber zu reden und ihnen Sicherheit zu vermitteln. Wenn die Kinder trauern, weil sie Familie oder Freunde vermissen, muss gemeinsam nach Lösungen gesucht und Hoffnung gegeben werden.

 

Fazit: Kinder lernen unglaublich schnell. Sie sind aus sich selbst heraus neugierig, lustig und erkundungsfreudig. Und so können Familien es schaffen, trotz aller Belastung und allem Stress, den Humor nicht zu verlieren. Sie können zusammen überlegen, was ihnen gut tut, allen Spaß macht. Schönen Erlebnissen Raum geben und am Ende bleibt das schönste Gefühl von allen: Wir sind nicht allein.

 

 

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