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© lakshmiprasad-S/iStock.com
Familienpolitik /19. April 2021

COVID-19-Varianten, Kinder und die Folgen

Die Rolle von Kindern in der Pandemie war lange unklar. Die Datenlage war dünn. Sie wurden weniger getestet und bleiben oft symptomlos. Inzwischen gibt es immer mehr Studien, die zeigen, dass sich auch Kinder mit dem Coronavirus infizieren und diesen weitertragen können.

Auch Kinder können erkranken

Zunächst erkrankte vor allem die Generation ihrer Großeltern an Covid-19. Das war eine der ersten wichtigen Erkenntnisse, als die Corona-Pandemie im Dezember 2019 ihren Lauf nahm. Und diese Beobachtung bestätigte sich auch in der ersten und zweiten Infektionswelle, die Deutschland und die ganze Welt traf.

Mit der Virusvariante B.1.1.7 hat sich dies geändert. Gut ein Jahr später sieht die Lage so aus, dass die Covid-19-Fallzahlen in allen Altersgruppen ansteigen, aber besonders stark bei Kindern und Jugendlichen.

Insgesamt müssen wir von der Vorstellung Abschied nehmen, dass junge Menschen nicht erkranken können.

Wenn Kinder an Covid-19 erkranken, entwickeln sie meist nur leichte Symptome – ein wenig Husten, Schnupfen und manchmal Durchfall. In weniger als der Hälfte der Fälle haben die Kinder Fieber. Auch wenn die Symptome bei Kindern und Jugendlichen meistens mild bleiben, drohen immer häufiger Langzeitfolgen von Long-COVID bis zum gefährlichen PIMS-Syndrom.

Long-Covid-Erkrankung auch bei Kindern und Jugendlichen

Die Long-Covid-Fälle bei Jugendlichen nehmen zu. Auch nach milden oder sogar symptomlosen Erkrankungen können Kinder und Jugendliche an unterschiedlichen Folgeerkrankungen leiden. Dazu gehören beispielsweise Leistungsminderungen wie chronische Erschöpfung, Atembeschwerden, kognitive Einschränkungen sowie Gelenk- und Muskelschmerzen.

In Großbritannien haben Eltern eine Initiative gegründet, die mittlerweile mehr als eintausend Mitglieder zählt. „Long-Covid-Kids“ ist auch auf Facebook, Instagram oder bei Twitter zu finden.

Schweres Entzündungssyndrom PIMS / MIS-C nach Covid-19

Das PIMS-Syndrom ähnelt dem Kawasaki-Syndrom, einer Autoimmunkrankheit, die infolge einer Covid-19-Erkrankung vor allem bei Kleinkindern auftritt, jedoch schwerwiegender. Etwa vier bis sechs Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 können auch bei vorher kerngesunden Kindern schwere Symptome wie hohes Fieber, Schleimhautentzündungen, Lymphknotenschwellung, Hautausschlag, gerötete Hände, teilweise mit Herz-Kreislaufproblemen auftreten. Wird es nicht behandelt, kann es zu einem Kreislaufkollaps und Schäden an den Herzkranzgefäßen führen.

Knapp 58% der PIMS-Fälle mussten in einer Erfassung der Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e.V. (DGPI) auf der Intensivstation behandelt werden. Jedes 1000te Kind mit einer Corona-Infektion ist von PIMS betroffen.

Kinder wurden bisher nicht mitgedacht

Unsere Kinder sind eine wichtige Gruppe der Gesellschaft und spielen bei der Immunität der Bevölkerung eine Schlüsselrolle. Um eine sogenannte Herdenimmunität bei Impfungen zu erreichen, muss ein bestimmter Prozentsatz in allen Alterskohorten geimpft sein. Laut WHO-Kinderrechte-Charta haben Kinder und Jugendliche einen Anspruch auf bestmögliche medizinische Versorgung. Dazu gehört natürlich auch die Impfprävention.

Impfstoffe auch für Kinder  – Erste Studien

Die Hersteller aller vier in der EU zugelassenen Impfstoffe arbeiten inzwischen weltweit an Wirkstoffen für Kinder. Sie sind in den klinischen Phase II und III Studien. Erste vielversprechende Ergebnisse in der Altersklasse der Jugendlichen im Alter von 12 bis 15 Jahren liegen bereits vor. Die Firmen Biontech und Pfizer haben mit Studien zu Wirkung und Sicherheit ihres Corona-Impfstoffs bei Kindern bis einschließlich elf Jahren begonnen. Das aktuelle Vakzin der beiden Firmen ist für Jugendliche ab 16 Jahren bedingt zugelassen. Studien für die Altersgruppe 12 bis 16 laufen bereits. Nun werden auch Kinder ab sechs Monaten in die Studien einbezogen. In den Studien „KidCove“ und „TeenCove“ des US-Produzenten Moderna sollen künftig auch Kinder im Alter zwischen sechs Monaten bis 12 Jahren bzw. von 12 bis 18 Jahren mit einer Impfung erreicht werden. Der Impfstoff von AstraZeneca soll auf seine Wirksamkeit an Kindern im Alter von sechs bis 17 Jahren hin getestet werden. Die Untersuchung ist im Februar gestartet.

Ein Impfstoff für Kinder kann das aktuelle Infektionsgeschehen wahrscheinlich nicht mehr beeinflussen, denn dafür sind die klinischen Studien der Arzneimittelhersteller noch nicht weit genug. Spätestens im nächsten Jahr dürften aber auch Impfstoffe für Kinder zur Verfügung stehen, die sie vor Covid-19 bewahren, idealerweise sogar vor jeglicher Infektion mit Sars-CoV-2.

Herdenimmunität

Der Schutz der Kinder steht natürlich im Vordergrund solcher Impfungen. Es geht jedoch nicht nur darum, ihre Rolle als Überträger des Virus für Erwachsene zu minimieren, sondern auch darum, einen Individualschutz für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen. Denn je mehr Infektionen es gibt, umso mehr schwere Fälle auch bei den Jüngsten. Und ganz nebenbei auch umso größer die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen neuer Mutationen.

Minderjährige stellen einen signifikanten Anteil der Bevölkerung: 13,7 Millionen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre leben laut Informationen des Statistischen Bundesamts derzeit in Deutschland. Das sind etwa 16,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wir brauchen also die Hilfe von unseren Kindern, um wieder ein Stück zur Normalität zurückzukehren.

Rückkehr ins Klassenzimmer?

Schule zu, Schule auf – das Hin und Her kennt man inzwischen seit einem Jahr. Bausteine zur Pandemiebekämpfung sind das Reduzieren von Kontakten durch weniger Schüler in den Klassen, Entzerrung des Schülerverkehrs auf den Schulwegen und natürlich, Abstands- und Hygienemaßnahmen.

Seit letztem Frühjahr wissen wir auch, dass das Infektionsrisiko in Innenräumen wie Großraumbüros oder Klassenräumen besonders hoch ist. Um Schulen und Innenräume sicherer zu machen, wurden die AHA Regeln um einen Buchstaben erweitert – das L für Lüften: Alle 20 Minuten die Fenster öffnen und durchlüften, lautet die Devise. Im Winter drei Minuten, in Herbst und Frühjahr 5 Minuten und im Sommer zehn Minuten. Ohne Lüften bleiben die mit Viren beladenen Partikel mehr als sieben Stunden in der Raumluft, so die Aerosol-Forscher.

 

https://www.static.tu.berlin/fileadmin/www/10000000/Forschen/Videos/Ausatmen_mit_Maske.mp4

 

Doch in der Realität kann Lüften schnell unangenehm sein, kostet Kälte Energie und unterbricht die Arbeitsprozesse.

Menschen mit Technik schützen

Um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren, ist eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen sinnvoll. Dazu gehören viel Lüften am besten in Verbindung mit der Verwendung von CO2-Messungen.

Noch besser wären raumlufttechnische Anlagen zur Nachrüstung für Klassenräume, die mit Wärmerückgewinnung ausgestattet sind und permanent frische, virenfreie Luft in den Raum transportieren. Aber vor allen Dingen könnten kürzere Schulstunden das Risiko deutlich senken. Forscher aus Frankfurt haben Messungen mit Luftreinigern in einer Schule während des Unterrichts vorgenommen und konnten die Aerosolkonzentration dadurch um 90 Prozent gegenüber einem Klassenraum ohne Gerät senken.

Bisher gibt es nur ca. 150 Schulen, die solche Raumluftreiniger benutzen. Die Technik wäre da, aber der Wille fehlt. An den Kosten kann es nicht liegen, denn die Geräte sind auf wenige Monate bezogen günstiger, als wenn ständig Masken und Schnelltests für die Schüler besorgt werden müssen.

Antigen-Schnell- und Selbsttests

Jetzt lautet das Motto im Kampf gegen Corona-Infektionen – Testen, testen, testen.

In Hessen und den meisten Bundesländern ist ein negativer Antigen-Schnelltest nach diesen Osterferien Pflicht und die Voraussetzung zur Teilnahme am Präsenzunterricht und der Notbetreuung. Jeder Schüler der Jahrgänge 5, 6 und Q2 muss zwei Mal pro Woche in der Schule einen Selbsttest durchführen. Der verwendete Test „SARS-CoV-2 Rapid Antigen Test“ wird von der Firma SD BIOSENSOR hergestellt und von der Firma Roche vertrieben. Die Schüler führen den Test selbst durch, die Lehrkräfte leiten lediglich an.

Kommt es an einer Schule zu einem Corona-Ausbruch, heißt es schnell handeln. Dazu stellt die KV ein mobiles Testcenter zur Verfügung, dass innerhalb kurzer Zeit an der jeweiligen Schule eingesetzt werden kann, um Schüler, Lehrkräfte und schulisches Personal zu testen.

Welche Nachteile haben die Antigen-Schnelltests?

Aussagefähig sind Schnelltests dann, wenn sich zum Testzeitpunkt viele Viren im Nasenrachenraum finden. Infizierte mit geringer Viruslast – etwa zu Beginn oder beim Abklingen der Erkrankung – werden möglicherweise nicht entdeckt. Ein Test ist immer eine Momentaufnahme. Unsachgemäße Abstriche können die Aussagekraft des Tests ebenfalls stark einschränken.

Die Antigen-Schnelltests erkennen im Durchschnitt ca. 58 Prozent der symptomlos Infizierten (am besten schnitten die Tests von Roche ab). Trotz dieser Sensitivitätslücke könnte ein regelmäßiges wiederholtes Screening mit mindestens zwei-, besser dreimal die Woche angewendeten Schnelltests positive Effekte haben und noch viele ansteckende Infizierte oder Superspreader entdecken.

Bei Kindern bis 14 werden drei Viertel Infizierte übersehen

Bei Kindern zeigen sich die Mängel der Tests noch drastischer. Etwa drei Viertel der infizierten Schulkinder bis 14 Jahre würden bei zweiwöchentlich durchgeführten Schnelltests übersehen. Das ergab eine Schätzung im Zuge der dritten Untersuchungsrunde der sogenannten Gurgelstudie an Österreichs Schulen. Davon seien, schätzt Wagner, „etwa 40 Prozent Infektiöse“.

Lasten des Lockdowns auf den Schultern der Kinder

Kinder und Jugendliche gehören seit dem Lockdown zur Bevölkerungsgruppe, die die geringste Lobby hat und stark leidet – mit noch nicht absehbaren Folgen. Auch nach einem Jahr Pandemie existiert kein Bildungskonzept für den Fall, wenn wir noch ein weiteres Jahr mit Kontaktbeschränkungen leben müssen. Vieles findet entweder gar nicht mehr statt oder mit offenen Fenstern, mangelhaftem Personalschlüssel und in fragwürdiger Infrastruktur.

Die zunehmenden, aber immer noch seltenen Erkrankungen der Kinder aufgrund einer Corona-Infektion, sollten im Sinne einer Güterabwägung nicht den Ausschlag für das Öffnen von Schulen geben. Schulen tragen nicht stärker als andere Gesellschaftsbereiche zum Infektionsgeschehen bei. Jeder Ausbruch in einer Fleischfabrik, einem Altersheim oder einer Flüchtlingsunterkunft kann wieder zur Schließung aller Schulen im Kreis führen, wenn der Inzidenzwert den nach unten korrigierten Schwellenwert erreicht. Ist das sinnvoll?

Die Schul- und Kitaschließungen waren und sind weiterhin keine Lösung. Nicht nur die Bildung sondern auch Entwicklungschancen sowie der Sozialisierungsprozess in der Peergroup mit Kindern und Lehrern fehlt. Neben den psychischen Problemen, sind die Langzeitfolgen für die Kinder immens. Lückenhafter Bildungsgrad und damit Narben in Bildungsbiografien. Weniger Arbeitsmarkterfolg und damit erreichbare Produktivität, die sich wiederum auf die Lebenserwartung auswirkt.

Der größte Teil unserer Kinder wird wohl bis zu den Sommerferien kein Schulgebäude mehr von innen sehen. Die Fortführung nach einem Jahr, in dem Unterricht im Klassenraum, mit leibhaftigen Mitschülern, eher die Ausnahme als die Regel war. Die Bildungskatastrophe ist da und sie wird mit jeder Woche geschlossener Schulen größer.

 

Fazit: Wie bei vielen Themen sind Kinder die Ersten, die verlieren und die Letzten, die etwas kriegen. Es wird zu wenig getan für die, die ihr Leben noch vor sich haben. Wir sollten nicht zulassen, dass die Zukunft von Kindern und jungen Menschen ein weiteres Opfer dieser Krankheit wird.

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