Allgemein /18. April 2020

Die Corona-Schulpolitik

Und ja. Natürlich kann man die Wäsche bügeln, während das eine Kind mithilft und das andere spielt, aber dafür muss jetzt jeden Tag für alle gekocht werden und das Aufräumen wird auch nicht weniger, wenn permanent alle Daheim sind. Wenn zwei Kindern unterrichtet werden müssen und dazwischen ein Kindergartenkind herumtobt, ist Homeoffice kaum möglich.

Das Coronavirus hat die Lebensgewohnheiten von Millionen Menschen umgekrempelt, inklusive beispielloser Einschränkungen von Freiheits- und Bewegungsrechten, des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens. Besonders die Eltern fragen sich, wann sie ihre Kinder wieder in die Schule, die Krippe oder den Kindergarten schicken können.

 

Schrittweise Wiederaufnahme des Schulbetriebs

Das Thema, das vorab für die größte Uneinigkeit sorgte, ist die Öffnung der Schulen. Hier hat die Hallenser Nationalakademie Leopoldina empfohlen, jene Einrichtungen zuerst wieder zu öffnen, die seinerzeit am schnellsten geschlossen wurde: die Grundschule. Die Gelehrten sind sich einig, das just in der vierten Klasse der Mensch beginnt, das Raufen im Klassenzimmer, das Fangenspiel auf dem Pausenhof und das gemeine Zwicken von Mitschülern einzustellen und sich dem stillen Studium der Naturwissenschaft oder der Arithmetik der Mathematik zu ergeben…

Bund und Länder einigten sich schlussendlich am 15. April auf ein Stufenkonzept. Im Ergebnis war klar: Nur in Ansätzen ist klar, wie es weitergehen soll.

Bis Ende April soll entschieden werden, wie der Unterricht unter besonderen Hygiene- und Schutzmaßnahmen, insbesondere unter Berücksichtigung des Abstandsgebots durch reduzierte Lerngruppengrößen, insgesamt wieder aufgenommen werden kann. Überlegt wird, zunächst nur die Kernfächer Deutsch, Mathe und Fremdsprachen zu lehren, Kurse und Klassen zu teilen und in Schichten zu unterrichten. Klassen werden nach Bedarf auf zwei Lehrkräfte aufgeteilt.

Die zentralen Abschlussprüfungen an der Fachoberschulen werden auf Ende Mai verschoben.

In Hessen betrifft der Schulbeginn am 27. April die Ober- und Mittelstufe, die Hauptschüler der Abschlussklassen, die Vorabiturklassen Q2 und die Viertklässler. Im ersten Schritt sollen damit rund 150 000 der 825 000 hessischen Schulkinder wieder die Schule besuchen. Bei Erfolg könnten frühestens nach zwei Wochen schrittweise die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen folgen. Grundschulen Klasse 1 – 3 kommen erst zum Schluss dran.

Kindertagesstätten werden noch eine ganze Zeit geschlossen bleiben müssen. Die Notbetreuung soll erweitert werden bzw. für weitere Berufsgruppen geöffnet werden. Um wen es sich handelt, ist bisher unklar. Bislang gibt es eine Notbetreuung für Kita-Kinder sowie Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 6, wenn deren Eltern arbeiten gehen und bestimmten Berufsgruppen angehören. Dazu zählen etwa Polizisten, Altenpfleger oder Richter.

Der Plan der Regierung ist sportlich, so die Meinung vieler Fachleute. Zum einen ist es in vielen Schulen äußerst schwierig, die erforderlichen Hygienestandards von Seife bis Mundschutzmasken einzurichten, zum anderen sind mehr als zwölf Prozent der Lehrkräfte älter als 60 Jahre. Sie dürften wegen ihres Alters oder durch Vorerkrankungen nicht im Präsenzunterricht eingesetzt werden.

 

Soziale Ungleichheit beim Homeschooling

Viele Schüler haben schon wochenlang kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen. Die Startchancen zu Hause zu arbeiten und zu lernen sind bekanntermaßen nicht für alle gleich gut verteilt. Weder besitzt jeder Schüler und jede Schülerin ein Tablet oä. als technische Grundausstattung für ein sinnvolles digitales Selbst- und Distanzlernen, noch die Unterstützung aus dem Elternhaus. Benachteiligte Kinder könnten abgehängt werden.

Die Praxis vieler Schulen, die Aufgaben an die Schüler zu verteilen, ohne jedoch gleichzeitig Hilfestellung bzw. professionelle Rückmeldung  und Überprüfung zu geben, wirkt sich negativ auf den Lernfortschritt der Schüler aus. Zudem gibt es Kinder, die Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung haben und feste Strukturen brauchen. Eine zu lange Abwesenheit vom normalen Schulunterricht kann langfristig negative Folgen für sie haben. Sie bräuchten viel Zeit, um nach der Corona-Zwangspause nicht den Anschluss zu verlieren. Wissenschaftler empfehlen deshalb, für ein breit angelegtes Bildungsangebot  von ‚guter Qualität‘ während der Sommerferien bis zum Herbst zu sorgen. Dies könnte über Lerncamps oder in Form von förderfähigen Bildungs- und Teilhabepaketen genutzt werden.

Die gute Nachricht: Da die Leistungsbewertung in diesem Schulhalbjahr nur eingeschränkt möglich sein wird, müssen Schüler in Hessen nicht um ihre Versetzung bangen. Das Wiederholen einer Klasse soll nur freiwillig erfolgen.

 

Ein Frühling ohne Gesellschaft

Auch wenn die Geschäfte draußen so langsam wieder öffnen und das Leben schrittweise wieder in Schwung kommt, werden die meisten Eltern weiterhin zu Hause sitzen und versuchen, der Arbeit und dem Nachwuchs so gut es geht gerecht zu werden. Die rund 2,6 Millionen Alleinerziehende sind besonders betroffen. Sie müssen die dreifache Belastung von Berufstätigkeit, Hausarbeit und Homeschooling und/oder Betreuung ihrer Kinder allein wuppen.

Während die nördlichen Nachbarn in Dänemark die Corona-Lockerungsübungen genau andersherum beginnen, nämlich die Kitas und Grundschulen zuerst öffnen, genießen die Eltern hierzulande noch auf eine ungewisse Zeit die ‚schöne Familienzeit‘. Der Jahresurlaub ist aufgebraucht, der Chef und die Arbeit ruft immer lauter und die Kollegen werden immer weniger nachsichtig. Die Stimmung sinkt. Nicht jeder Arbeitnehmer hat das Glück, neben psychologischer Beratung auch digitale Sport- und Kochkurse oder ein virtuelles Weinseminar, wie beispielsweise die SAP-Angestellten, angeboten zu bekommen.

 

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Während die Bundesregierung die Wirtschaft in hohem Maße finanziell unterstützt, sind die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Eltern noch nicht so sehr im Fokus. Erste Überlegungen hierzu gibt es von verschiedenen Seiten:

  • Ein sogenanntes ‚Corona-Elterngeld‘, das sich an das Elterngeld anlehnt, würde es erlauben, in der Krise eine bezahlte Berufsauszeit zu nehmen.
  • Der Berechnungsmodus des Elterngeldes könnte angepasst werden, sprich: Die Monate mit krisenbedingten Einkommenseinbußen sollen nicht berücksichtigt werden. Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, können ihre Elternzeit verschieben.

Am 30. April setzen sich die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin erneut zusammen und beraten über weitere Lockerungen im Schulbetrieb. Der frühestmögliche Termin für  Änderungen ist dann der 11. Mai.

 

Es wird ein langer Weg zurück in die Normalität…