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Special im September: Ist die Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche sinnvoll?

 

Meine ältere Tochter, 15, möchte sich gern impfen lassen, der Kleine, 12, interessiert sich auch, kann aber nach eigener Aussage noch warten. Mein Mann würde dem Fachgremium der STIKO vertrauen und der Empfehlung zur Impfung jetzt folgen. Ich hingegen bin noch zögerlich und unsicher, ob die Impfung für die Kinder eine gute Idee ist. Keine einfache Entscheidung.

Nach Monaten der Pandemie haben LehrerInnen und Bildungsexperten, SchülerInnen und wir als Eltern große Hoffnungen: Das nächste Schuljahr soll besser werden als das letzte. Die sich ausbreitende infektiösere Delta-Variante macht jedoch allen Sorge. In welche Richtung die Mutante B 1.1.7. gegebenenfalls an den einzelnen Zahlen schrauben wird, ist kaum vorherzusagen.

So startet das dritte Corona-Schuljahr

In mindestens sechs Bundesländern hat der Unterricht nach den Ferien inzwischen begonnen. Einige Kommunen haben bereits Luftfiltergeräte angeschafft und/oder den Schülerverkehr in den Bussen entzerrt, WLAN installiert oder die Lehrer in Sachen digitalem Unterricht fortgebildet. Außerdem sind die LehrerInnen zum großen Teil geimpft. Aber in vielen Schulen ist man immer noch nicht ausreichend vorbereitet.

Mit den Impffortschritten in der erwachsenen Bevölkerungsgruppe hat sich das Infektions-Geschehen zudem aktuell verlagert: Besonders bei der Gruppe der 15- bis 35-Jährigen steigen die Zahlen deutlich an. Was ist da los?

Die Corona-Dynamik schwächt sich derzeit nicht ab, sondern wird vor allem durch die Urlaubszeit weiter angetrieben. Die Ferien- und Urlaubszeit (nicht der Unterricht!) lässt die Infektionszahlen vor allem bei den Jüngeren steigen. Dieselbe signifikante pandemische Entwicklung habe man schon 2020 erlebt und deswegen zwei ‚Präventionswochen‘ nach den Ferien geplant.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) ist jedoch überzeugt, dass es im neuen Schuljahr trotz der andauernden Corona-Pandemie nicht mehr zu flächendeckenden Schulschließungen kommt. Allerdings bleiben viele Hygieneregeln bestehen und werden sogar zum Schuljahresbeginn wieder verschärft. Mit einem neu eingeführten Corona-Testheft in Hessen können Schülerinnen und Schüler im neuen Schuljahr ihren negativen Corona-Test von der Lehrerin oder vom Lehrer dokumentieren lassen. Damit bräuchten sie neben den regelmäßigen Testungen in der Schule keine weiteren Nachweise mehr, etwa um ins Kino, ins Restaurant, zum Friseur usw. zu gehen.

STIKO: Covid-19 Impf-Empfehlung für Kinder und Jugendliche

Die Ständige Impfkommission (STIKO), das wichtigste Fachgremium in Deutschland, hat die Immunisierung in der Altersgruppe 12 – 17 Jahre bislang nur bei Kindern mit einem erhöh­ten Risiko empfohlen.

Mittlerweile liegen ausreichend Daten zur Sicherheit des Impfstoffes und zur Krankheitslast vor. In Israel, den USA und Kanada sind Millionen Kinder und Jugendliche bereits seit Mai 2021 geimpft. Keines der Kinder ist nach der Impfung an COVID-19 erkrankt. Auf Basis dieser Erkenntnisse und einer gründlichen Risiko-Nutzen-Abwägung empfiehlt die STIKO seit dem 19. August 2021 die COVID-19-Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs für alle Kinder und Jugendlichen ab 12 Jahren.

Mit der Impf-Em­pfehlung macht die STIKO deutlich, dass der direkte Schutz der Kinder und Jugendlichen durch eine Impfung mögliche Risiken von sehr seltenen Impfnebenwirkungen überwiegt. Der Impfstoff ist sicher und wirksam und soll auch Folgeerkrankungen wie Long Covid oder das sogenannte „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome“ (Kurz: PIM-Syndrom) verhindern.

Die Empfehlungen dient nicht dem Ziel, durch eine höhe­re Impfquote bei Kindern und Jugendlichen schneller eine Herdenimmunität zu erreichen. Kitas, Schulen und Freizeitangebote müssten auch künftig allen Kindern und Jugendlichen offenstehen, unabhängig von ihrem Impfstatus.

Vor der Impfung sind eine ärztliche Aufklärung sowie gegebenenfalls die Einverständniserklärung der Sorgeberechtigten notwendig. Für impfwillige Jugendliche stehen bei steigender Nachfrage die Kinder- und Hausarztpraxen bereit.

Die Beschlüsse der Kommission gelten übrigens als Grundlage für die Entscheidungen, welche Impfungen von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden und ob der Staat die Kosten für etwaige Impfschäden übernimmt.

 

Eltern und Jugendliche haben damit eine klare Empfehlung, sich für die Impfung zu entscheiden. Jugendliche können jetzt dazu beitragen, den Jüngsten zu helfen.

Covid-19- Symptome und Verlauf bei Teenagern

Covid-19 ist eine Erkrankung, die potenziell lebensbedrohlich verlaufen kann. Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren ohne Vorerkrankung haben jedoch selten einen schweren Krankheitsverlauf. Je jünger die Patienten, desto harmloser verläuft die Erkrankung an Covid-19. Die Inzidenz in dieser Altersstufe ist jedoch hoch und wird weiter steigen.

Auch die schweren Folgeerkrankungen nach einer Covid-19-Infektion, wie das PIM-Syndrom sind eher selten. Etwa vier bis sechs Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 können auch bei vorher gesunden Kindern schwere Symptome auftreten: Hohes Fieber, Schleimhautentzündungen, Lymphknotenschwellung, Hautausschlag, gerötete Hände, teilweise mit Herz-Kreislaufproblemen. Bei dem neuartigen PIMS-Syndrom handelt sich um eine Entzündung in mehreren Organen, offenbar ausgelöst durch eine Überreaktion des Immunsystems. Die Kinder sind – zugegeben – schwer krank, aber es gibt eine erfolgreiche Therapie dagegen.

Über das ebenfalls diskutierte „Long-Covid“, worunter man anhaltende Erschöpfungszustände, Atembeschwerden, Konzentrations- und Schlafstörungen, depressive Verstimmungen und Herzrhythmusstörungen nach durchgemachter COVID-19-Infektion versteht, fehlen solide Daten. Es scheint auch im Kindes-/ Jugendalter eher selten zu sein.

Seit Beginn der Pandemie 2020 gab es in Deutschland Todesfälle unter Kindern lediglich im einstelligen Bereich, die meisten mit Vorerkrankungen. Die Zahl der infizierten Kinder und Jugendlichen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, liegt zwischen 0,3 bis 1,7 Prozent, von eventuellen Long-Covid-Folgen mal abgesehen.

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie erarbeitet derzeit eine Handlungsempfehlung zur Nachsorge von Long Covid.

Warum junge Menschen besser geschützt sind

Die Besonderheit liegt in den Nasenschleimhäuten der Kinder, die evolutionär geradezu ausgeklügelt sind. Das kindliche Immunsystem ist in den oberen Atemwegen wesentlich stärker aktiv und mit antiviralen Immunzellen in großer Zahl ausgestattet als bei Erwachsenen. Eine Art Frühwarnsystem, die dann eine immunologische Schutzmauer bildet. Besonders wichtig in den entscheidenden vier ersten Tagen nach der Ansteckung. In dieser Zeit kommen in den Kinder-Schleimhäuten auch besondere Sensoren – Mustererkennungsrezeptoren – zum Einsatz, die bei den Minderjährigen an der Zelloberfläche sitzen und die Immunantwort schnell in Gang setzen.

Wie sicher ist die Impfung – auch mit Blick auf spätere Folgen?

Auch bei geimpften Kindern können typische Impfreaktionen auftreten, die nach ein bis drei Tagen folgenlos wieder abklingen.

Dazu gehören beispielsweise Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber, Schüttelfrost und Kopfschmerzen. Insgesamt sind die Beschwerden bei 12- bis 15-Jährigen bzw. bis 17-Jährigen ähnlich häufig ausgeprägt wie bei 16- bis 25-Jährigen bzw. 18- bis 25-Jährigen. Diese Impfreaktionen sind auch aus anderen klinischen Untersuchungen mit Erwachsenen bekannt und stellen in der Regel keinen Anlass zur Sorge dar. Zur Linderung möglicher Beschwerden kann nach Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt ein schmerzlinderndes/fiebersenkendes Medikament in der empfohlenen Dosierung eingenommen werden.

Im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung mit den mRNA-Impfstoffen wurden sehr seltene Fälle von Herzmuskelentzündungen beobachtet. Diese Fälle traten hauptsächlich innerhalb von 14 Tagen nach der Impfung, häufiger nach der zweiten Dosis und häufiger bei Jungen als bei Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren auf. Der akute Verlauf der Herzmuskelentzündungen ist unter stationärer Behandlung meist mild. Es gibt noch keine Erkenntnisse zu möglichen Langzeitfolgen. Umgekehrt weisen neuere Untersuchungen aus dem Ausland darauf hin, dass Herzmuskelentzündungen auch bei COVID-19-Erkrankungen auftreten. Bei Brustschmerzen, Kurzatmigkeit, beschleunigtem Puls oder Herzpochen nach einer Corona-Schutzimpfung sollten Sie sofort medizinische Beratung und Hilfe einholen.

Andere schwerwiegende Nebenwirkungen sind bei 12- bis 17-Jährigen nach einer COVID-19 Impfung nicht bekannt, obwohl allein in den USA und in Kanada in dieser Altersgruppe bereits mehr als 12 Millionen Impfstoffdosen verabreicht wurden.

Warum Impfungen wichtig sind

Impfungen gehören ohne jeden Zweifel zu den wirksamsten vorbeugenden Maßnahmen im Bereich der Medizin.

In Deutschland gibt es – mit Ausnahme der Impfung gegen Masern – keine Impfpflicht.

Fast 95 Prozent aller Kleinkinder erhalten heute die wesentlichen Grundimmunisierung gegen Polio mit einem 6-fach-Impfstoff, bei dem auch gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis (Keuchhusten), Hib (Haemophilus influenzae Typ b) und Hepatitis B geimpft wird. Infektionskrankheiten, wie z.B. Masern, Keuchhusten oder Mumps, sind alles andere als harmloser „Kinderkram“. Sie sind hochansteckend, können sich sehr schnell ausbreiten und schwere Folgen haben. Polio (Kinderlähmung) wurde durch erfolgreiche Impfkampagnen fast komplett ausgerottet. Pocken gibt es praktisch nicht mehr.

Umso mehr erstaunt es, dass die Impfbereitschaft der Erwachsenen gegen Covid-19 bislang weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. Nur knapp 60 Prozent der Deutschen sind inzwischen vollständig geimpft. Das Robert Koch-Institut (RKI) hält es angesichts der zunehmenden Verbreitung der gefährlicheren Delta-Variante inzwischen für notwendig, dass 90 Prozent der über 60-Jährigen und mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen den vollen Impfschutz bekommen. In der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen sind bisher lediglich knapp 64 Prozent vollständig gegen Covid-19 immunisiert.

Etwa 90 Prozent der Patienten, die derzeit auf den Intensivstationen liegen, sind nicht geimpft. Mediziner und die Politik betonen, dass die Impfung zwar eine individuelle medizinische Entscheidung ist, aber letztlich keine Privatsache. Die Entscheidung hat gesellschaftliche Folgen. Es liegt an uns allen, wie der Corona-Herbst 2021 wird.

Einige Bundesländer sind mit mobilen Impfteams an Schulen unterwegs, um so mehr unterschwellige Angebote zum Impfen zu machen. Es obliegt den Schulleitern, ob sie die Impftrupps zu sich rufen. Mit einem Schreiben werden die Eltern von minderjährigen Kindern auf dieses freiwillige Angebot aufmerksam gemacht.

 

Fazit: Die Entscheidung, ob das eigene Kind immunisiert werden solle oder nicht, muss aber jede Familie für sich individuell treffen.

Ich zitiere hier mal den Kinderarzt Dr. Dötsch: „Es kann nicht sein, dass wir Erwachsene alle Freiheiten für uns beanspruchen und glauben, dass die Kinder uns wieder retten. Man denke daran, wie viele tausende Infektionen die EM-Spiele verursacht haben. Mit Ansage! Ich halte das für extrem unsolidarisch.”